Wer sind meine Vorfahren?

 

ein Auszug vom Bruno Klingers Buch

Anregung zur Familienforschung

Berchtesgaden, im Juli 1923. In einer Herbergsgaststube sitzen wir 10, die im Jahr zuvor die 1. Lehrerprüfung bestanden haben, über eine arte gebeugt und studieren die bewegte Salzburger Landschaft, wohin die Reise morgen hinführen soll.

Die Karte ist verwirrend mit den gehäuften Einzelheiten. Plötzlich stutze ich. In einem Bezirk gedrängt lese ich Klingerbach, Klingeralm, Klingerwald, Klingerberg. Liegt hier etwa die Heimat meiner vorfahren, aus der ein grausames Schicksal sie vertrieben hat? Ist die mündliche Überlieferung in der Familie also wahr, dass wir gebbürtige Salzburger sind?

Ein sonderbares Gefühl überkommt mich. Was hat man alles lernen und behalten müssen! Regierungszeiten unserer Könige, Kriege, Schlachten, Ereignisse in aller Welt! Aber Familiengeschichte ist doch auch Geschichte, die mir sogar interessanter gewesen wäre über alle Höhen und Tiefen der großen Geschehen hinweg. über jene Geschichte geben Bücher Auskunft aus allen Zeiten. Aber hier! Nur mündliche Überlieferungen, die höchst dürftig nur sind, meist über die Großeltern auch kaum hinausreichen.

Dort angesichts der Salzburger Bergwelt wurde meine Interesse wach, dem Familiengeschehen nachzuspüren und laufend Bemerkenswertes festzuhalten. Das geweckte Interesse erhielt Auftrieb durch den 1933 an die Macht gekommenen "Führer" Adolf Hitler, der bei seiner Lösung der Judenprobleme mit den Nürnberger Gesetzen "Zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" von jedem Deutschen verlangte, bis zu den Großeltern einschließlich den Nachweis der arischen Abstammung zu führen. Dieser Zwang wurde für mein Vorhaben insofern positiv, als nunmehr die zuständigen Dienststellen verpflichtet waren, Auskünfte zu erteilen oder entsprechende Unterlagen zur Einsicht vorzulegen.

Schwierigkeiten bei der Ahnenforschung

Ich ahnte nicht die Schwierigkeiten und geradezu Unmöglichkeiten, rückschreitend das Dunkel der Familiengeschichte aufzuhellen, muss allerdings auch eingestehen, dass über große Zeiträume ich ermüdet das Anliegen nicht verfolgt habe und dass mündliche Quellen inzwischen verstummten.

Als schriftliche Quellen kamen die Aufzeichnungen in den Pfarreien in Frage, denn sie waren einst zugleich Standesämter. Bei den Nachforschungen in den Kirchenbüchern ergaben sich immer wieder Ungereimtheiten durch eine oft schwerleserliche Handschrift oder Verschiedene Schreibweisen wie Kliger -Klingerine, Lippke, Loepke-Lopke oder gar Guppe-Gubbe-Gubantin-Guppas, bis ich die Ursache erkannte.

Klinger-Klingerine erklärt sich schon aus der litauischen Nachbarschaft. Eine befreundete Nachbarin meldet beim fernen Pfarrer, die Klingerin habe einen Sohn geboren, und so trägt der Pfarrer den Akt ein. In der Litauischen Sprache gibt die angefügte Endsilbe gleich die Stellung im Haushalt an:

Klingeris - der Vorstand der Familie Klingerine (oder Klingeriene) - seine Frau Klingerike (oder Klingeraite) - die Tochter Klingeruks - der Sohn

Und wenn der Pfarrer gar schwerhörig war oder der Meldende undeutlich sprach und des Schreibens unkundig war, so entstanden gar solche Abweichungen wie bei Guppe. Wenn ich Erforschtes niederlege, so möchte ich verhindern, dass mit mehr oder weniger Mühe festgestellte Familiendaten jetzt nach dem Verlust der Ostgebiete für die Nachfahren für alle Seiten verloren sind, aber auch anregen, diese Aufzeichnungen für spätere Generationen im Sinne einer Familiengeschichte fortzuführen, auch wenn die Geschichtsereignisse mit ihren Auswirkungen auf jede einzelne Familie fortan in ruhigeren Bahnen abläuft.

Bei meinem Suchen nach Vergangenem habe ich schmerzlich bedauert, keinerlei schriftliche Aufzeichnungen eines Vorfahren vom persönlichen Leben und Erleben vorgefunden zu haben, und sie haben doch auch gewaltige Erschütterungen durchlebt: Eigener Auszug aus Salzburg, Russenzeit, Franzosenzeit.

In meinen Lebensjahren wurde die Geschichte geradezu umwälzend wie selten in Jahrhunderten zuvor, und so sähe ich es als geradezu sündhaft an, wenn ich meinen Nachfahren keine Aufzeichnungen dieser Zeitgeschehnisse hinterließe.

Ich stelle in meinen Auslassungen erforschte nackte und damit oft wenigaussagende Familiendaten voran, berichte dann aber eingehend vom Eigenerleben, von Jung- und Fröhlichsein, von Freud und Leid, von harter Arbeit, vom verlorenen

Ostpreußen, kurz wie mehr als 80 Jahre über mich und meine Familie hinweggezogen sind.

Der erste nachweisbare Vorfahre

Als frühestens nachweisbaren Vorfahren muss ich Johann Klinger nennen. Im Taufregister 18799/1815, Seite 31,

der St. Johanneskirche in Memel fand ich die Eintragung:

).Sept., Louise, geb. 8.Sept. 1800

Pater: Johann Klinger ein Kutscher aus Bachmann

Mater: Louise Gubatin.

Zeuge: Rose, Reimer, Lankowa.

Im Taufregister 1802 nr. 20 der Kirche in Deutsch Crottingen war verzeichnet:

Lappenischken, Louise Sophie, geb. 7.Februar, getauft den 12.Februar.

Pater: Johann Klinger, ein Buschwächter.

Mater: Louise

Zeugen: 1. Gurges Pazzamors

2. Johann Sidow

3. Christus Zembries

4. Sidowin

5. Frau Inspektorin Rhenius aus Bachmann

Die Domänenherrin auf Bachmann hielt nach Sembritzki "Memel" einen Hofstaat um sich mit Gesellschafterin,

Kammerzofe, Wirtin, Stubenmädchen, Köchin und Kutscher und den sehr frommen Pächter auf Lebenszeit Rhenius, verheiratet mit einer Nichte der Frau Goese, der schließlich veranlasste, dass die verschwenderische Frau Goese als blödsinnig unter Kuratel gestellt würde. In dieser Stellung als Kutscher dürfte sich unser Vorfahre bei engsten menschlichen Beziehungen Vertrauen und hohe Wertschätzung erworben Haben, die zur Übernehmen der Försterei führten.

Lappenischken gehörte zu den Resten eines ungeheueren Grenzwaldgürtels, den seinerzeit der Deutsche Ritterorden zum Schutz gegen die Einfälle der heidnischen Litauer an der ganzen Ostgrenze entstehen ließen. Die große Domäne Bachmann, 2 km ostwärts von Memel liegend, mit dem Gut Lindenhof in Grenznähe und dem Waldgelände Lappenischken wurde auf Veranlassung des frommen Rhenius in eine etwa 4000 Morgen große Stiftung eingebracht und unterhielt eine Erziehungsanstalt mit Schule für verwaiste Kinder, nur Knaben.

Aber woher kam dieser Kutscher? Ich gab viele Jahre meine Nachforschungen auf, bis ich vor 2 Jahren durch meine Cousin Hilde Sodeik, geb. Klinger, jetzt Lüneburg, mir bisher unbekannte Daten bekam. So berichtet Sembritzke in seiner "Geschichte der Stadt Memel" von der Ankunft und der Aufnahme von 200 Salzburger Emigranten 1732 in Memel, kommend mit Segelschiffen von Stettin, von denen einer auf dem Gut Bachmann als Bediensteter seine Bleibe fand, auch dass 1744 ein Salzburger hier tätig war als Bediensteter.

Salzburger Emigrantenschicksale

Mit Sicherheit kann ich annehmen, dass Dieter aufgeführte Salzburger Vater oder Großvater des im Taufregister 1800 eingetragenen Kutschers aus Bachmann ist.

Nach Gollub, dem Verzeichnis der Salzburger Emigranten, sind 1732 23 männliche Personen mit dem Namen Klinger nach Preußen überführt, hauptsächlich aus den Pflegegerichten Goldegg, St. Johann und Wagrain. Da sie im Güterverzeichnis nicht erwähnt sind, dürften sie wohl unangesessene gewesen sein, also ohne Grundbesitz. Trifft das zu, dann hatten sie die grausamste Härte der Ausweisung erlitten, als Ketzer und Rebellen im November 1931 von zur Hilfe gerufenen kaiserlichen Soldaten mitleidlos aufgegriffen, wie sie dastanden, in 8 Tagen über die Landesgrenze gejagt und nicht zu wissen Wohin! Die Angesessenen hatten 2 Monate Frist, vom Besitz sich zu lösen, steuerlich bei dem großen Angebot zu erheblichen Niederpreisen.

Welche Strapazen war der Fußmarsch von den Alpen nach Berlin! Welch Auftrieb für sie hier! Was war das für ein Mann, dem die Tränen die Backen hinterrollen, als er seine Emigranten in Potsdam begrüßte? "Ihr sollt es gut habe bei mir, Kinder!" Und was war das für ein Land, in das sie nun kamen? Frömmigkeit und Toleranz bei ihrem hier erlebten neuen Herrn, dem König Friedrich Wilhelm I., inmitten einer sonst ganz anders sich gebaerdenen Welt.

In Berlin freudig aufgerichtet und mit gestärktem Mut gingen sie die Zukunft an. Die wurde aber hart, sehr hart.

Welch Misere bedeutete die winterliche Kälte mit den Notquartieren auf dem Agentreck über Oder und Weichsel und den Bergbewohnern die lange Seefahrt on Stettin nach Pillau und gar bis Memel mit kleinen Segelschiffen bei Wind und Wetter durch eine unruhige See! Wie katastrophal der Gesundheitszustand der Emigranten gewesen sein muss, lässt das Totenbuch der St. Johannes Kirche in Memel ahnen:

1732 15 Tote, davon 7 Salzburger

Januar 1733 5 Tote, alles Salzburger.

Unser Vorfahre dürfte zu den Glücklichen gezählt haben, dass er sofort bei der Domäne Bachmann eingestellt wurde.

In Unkenntnis, dass Emigrantentransporte bis nach Memel gingen, versuchte ich vergebens, im Salzburger Archiv des Prussiamuseums Königsberg Anschluss zu finden, statt in den Kirchenbüchern zumindest der St. Johanneskirche ab 1732 zu suchen. Hier hätte sich die Lücke von 1732 in Bachmann angestellten Bediensteten über den Salzburger Dienstboten 1744 zum 1770 Johann Klinger sicherlich schließen lassen. Eine wohl für immer vertane Gelegenheit, da ein weiteres Forschen in den meines Wissens in Wilna eingelagerten geretteten Kirchenakten wohl unmöglich sein dürfte.

Auch ohne den urkundlichen Nachweis gibt es für mich keine Zweifel, dass die 1732 und 1744 in Bachmann namentlich nicht genannten Salzburger unsere Vorfahren sind. Die Instleute der Güter und Domänen jener Zeit dürften wie auch in späterer Zeit den untersten Volksschichten gehört haben mit der geringsten Bildungsstufe. Die gegenüber der ansässigen Bevölkerung des damaligen Ostpreußens fortschrittlicheren Salzburger wurden auf allen Gebieten Auftrieb und Fortschritt.

So bedeutete der erstgenannte Salzburger der Domänenherrschaft eine wertvolle Ergänzung in ihrem Personalstand, zumal sie ihre Charakterfestigkeit durch die Emigration aufgezeigt hatten.

Und anderseits hätten diese Salzburger in jener Zeit durch Fortzug wirtschaftlich und menschlich nirgends besser aufgehoben sein können. 1732 Bediensteter, 1744 Dienstbote, 1800 Kutscher, eine Familienfolge immer in der Nähe der Domänenherrschaft.

Güter und Domänen hatten noch in meiner Kinderzeit neben den Vierer-Arbeitsgespannen schnelle Pferde für die Kutsche der Herrschaft zu persönlichem Gebrauch, ihr Kutscher vergleichsweise mit der Vertrauensstellung des Cheffahres im Autozeitalter. Mein Urgroßvater, Johann Klinger.

Nach dem Taufregister Deutsch Crottingen wurden noch 1798 und 1800 dem Wirt und Buschwächter Martin Zypa in Lappenischken Kinder getauft.

Nach den Akten der Goese-Bachmannstiftung, Titel Prüfung und Anstellung der Forstbeamten heißt es: Translokation der beiden gewesenen Waldwächter in den Bachmannschen Gütern von Lappenischken nach Lindenhof.

Johann Klinger muss also die beiden versetzten Wald Wächter zwischen 1800 und 1802 abgelöst haben. Das ist für unsern Vorfahren eine Umstellung gewesen, eine aus dem abwechslungsreichen "Hofleben" in die ferne Waldeinsamkeit, bestimmt aber mit dem stolzen Gefühl, statt der täglichen Abhängigkeit eigenverantwortlich ein großes Waldgebiet zu betreuen, mit der Zusicherung der Erbfolge für seine männlichen Nachkommen, die auch tatsächlich ohne Unterbrechung bis zur Katastrophe 1945, also 150 Jahre ihm Folgten.

Mit der zunehmenden Intensivierung der Waldbewirtschaftung und den gehobenen Anforderungen an den Sachwalter war aus dem Buschwächter ein Förster geworden, dem ich in seiner schicken Uniform und seiner straffen Haltung stets gern begegnet bin.

Wie stolz muss unser erster Vorfahr in Lappenischken seinerzeit gewesen sein, dass trotz der damaligen winterlichen Wegeverhältnisse ein hoher Gast, die Inspektorin Rhenius, den 12 km beschwerlichen Weg zur Taufe des ersten Kindes dort nach Lappenischken und Crottingen unternommen hatte.

Natürlich war mit der Dienststelle auch 1 Hufen (60 Morgen) Acker und Weideland zur Eigenbewirtschaftung verbunden, so dass Johann mit seiner Louise reichlich Beschäftigung vorfanden.

Im Sterberegister 1850 der Kirche Deutsch Crottingen fand ich unter dem 20.12. die Eintragung:

Buschwächter Johann Klinger, 80 Jahre alt, verwitwet, 3 Söhne, 1 Tochter.

Und im Sterberegister 1844 unter dem 7.11. der gleichen Kirche:

Elisabeth Sophie Louise Klinger geb. Guppas, Ehefrau des Buschwächters Johann Klinger, 2 Söhne, 1 Tochter, 70 Jahre alt.

Der Buschwächter muss also 1770, die Urgrossmutter 1774 geboren sein.

Wie die Sterberegister aussagen, hatten sie 4 Kinder. Diese waren:

1. Ludwig Klinger

geb. 15.8.1806, gest. 27.8.1886

Er heiratete Caroline Schmaehling, die etwa 85 Jahre wurde, und übernahm den Waldwärterposten seines Vaters.

2. Wilhelmine Klinger, die einen Schmied Franz in Russisch Crottingen heiratete.

3. Heinrich Klinger

geb. 3.6.1813, der sich in Memel niederließ, dessen Nachkommen ganz aus unsrem Blickfeld verschwanden.

4. Johann Samuel Klinger

geb. 29.3.1804, gest. 12.5.1875, mein Großvater.

Mein Großvater Johann Samuel Klinger

Johann Samuel Klinger heiratete nach Szabern-Wittko und erwarb nach und nach ein Grundstück von 177 Morgen, von denen 55 Morgen Ackerland, der Rest weniger wertvolles Wald- und Weideland waren.

Als seine Frau Henriette, geb. Lipke, nach 25-jaehriger Ehe starb, bei 13 Geburten 1850, heiratete er ihre 16 Jahre jüngere Schwester Dorothea, die 1825 geboren war, nun auch 11 Geburten überstand und bei ihrer Tochter Dorothea in Szabern-Wittko es bis 1907 auf 82 Lebensjahre brachte.

Von den Kindern wurden nur 8 erwachsen:

1. Amalie, die einen Mosler in Kunken-Goerge heiratete

2. Wilhelm, in Szabern-Wittko, gest. ?. Zwei mal heiratete er.

Karoline Moosler aus Kunken-Goerge, danach ihre Schwester Auguste.

3. Johann, in Szabern-Wittko, gest. 1917

4. August, in Szabern-Wittko, gest. 1926

5. Gottfried, in Corallischken. Er heiratete seine Nichte Johanna

Klinger, Tochter von 2 zuvor.

6. Heinrich, geb. 20.11.1857, heiratet seine Cousine Lippke aus

Kunken-Goerge.

7. Dorothea, gestorben 1907, heiratet ihren Vetter August Klinger

in Szabern-Wittko.

8. Richard, geb. 22.11.1866, gest. 6.2.1941, heiratet Lina

Klinger, geb. 9.9.1871, die Tochter seiner Cousine Auguste Klinger.

Meine Eltern, zunächst in Corallischken, ab 1904 Clemmenhof.

Durch die Aufteilung des großen Grundstücks ergab sich seinerzeit die Kuriosität, dass in Szabern-Wittko zeitgleich 3 August Klinger sesshaft waren: I, II, III.

Und wenn bei meinem Großvater bei 24 Geburten nur 8 ins heiratsfähige Alter kamen, so deutet das auf die Härte des damaligen Lebens und auf die unzureichende Hygiene jener Zeit.

Die Geburten erfolgte durchweg daheim, und welche Kenntnis hatten derzeit die Hebammen-zumal erst 1847 der berühmte Wiener Gynäkologe Semmelweis die infektiöse Todesursache bei den Geburten erkannte. Immer wieder stieß ich in den Sterberegistern auf Todesfälle im Säuglingsalter.

Großvaters Bruder, der Förster Ludwig Klinger

 Wie mein Großvater, so hatte auch dessen Bruder Ludwig, der nachfolgende Inhaber der Försterstelle, eine zahlreiche Nachkommenschaft. Die Zahl der Geburten ist mir nicht bekannt, ins heiratsfähige Alter kamen gleichfalls acht: 1. Karoline, gest. 1915.

Verheiratet mit Lipke, Barschken.

2. Mathilde,

verheiratet mit Walukat, Coadjuten.

3. Wilhelmine,

verheiratet mit Doblies, Woiduszen.

4. Ludwig, geb. 3.6.1846, gest. 1910

Förster in Lappenischken.

Heiratet Louise Döring aus Kissennen. 5. Marie,

verheiratet mit Stehr in Königsberg. 6. Auguste, geb. 2.6.1850, gest. 1935.

verheiratet mit Schwede in Memel. Meine Großmutter.

7. August, gest. 1933.

verheiratet mit Dorothea Klinger, der Schwester meines Vaters, Szabern-Wittko.

8. Dorothea,

verheiratet mit Schaefer in Deutsch-Crottingen.

Großmutter von Lilo (Liselotte) Godlowski, Lüneburg.

Auffallend immer wieder Verwandtenehen: Cousin-Cousine, und gar Onkel-Nichte. Angesichts der zahlreich engsten Verwandtschaft war es unausbleiblich, dass die Verbindung zu Onkeln und Tanten seltener wurden oder gar aufhörte, als wir uns mit dem Umzug 1904 nach Clemmenhof weit absetzten. Autos gab es in meinen Kindertagen nur für wenige Begüterte, Fahrräder waren fast noch Luxus, und die in 6 Wochentagen strapazierten Pferde hatten den sonntäglichen Ruhetag dringend nötig.

Keiner meiner Onkel wohnte näher als 6 km, und bis Onkel Heinrich in Kunken-Goerge waren es gar 13 km, und doch machten wir Kinder uns in aller Herrgottsfrühe auf auch nach dorthin, wo ein herrlicher Obstgarten, eine zarte hübsche Cousine und eine liebevolle Aufnahme uns lockten. Bei Onkel Gottfried in Corallischken, 6 km, vergesse ich nicht das neuste Grammophon, dessen gewaltiger Schalltrichter stets laute Fröhlichkeit hinaustönte. Wir sind die lustigen Holzhackerbua" [sic]. Unseren Besuchen hierher haben wir es wohl zuzuschreiben, dass auch wir zu musizieren begannen, Bruder Erich mit einer Ziehharmonika und wir anderen mit Mundharmonikas.

Am häufigsten fanden wir uns bei Oma Dorothea, Vaters Mutter, und Tante Dorothea, Vaters Schwester, in Szabern-Wittko ein, 7 km, von wo wir uns rotbäckige Äpfel, lange Tannenzapfen, richtiger Fichten, und von Oma aus unserer Schafswolle gestrickte neue Strümpfe für unsere vielen Füße heimbrachten und von wo wir auch mal einen Sprung zum benachbarten ältesten Onkel Wilhelm mit seinem uns imponierenden mächtigen Vollbart machten. Oft führte uns, Erich, Käthe und mich, ein 8 km Marsch nach Eglienen zu dessen unternehmungsfreudigsten Sohn Wilhelm auf dem 200 Morgen Hof, teils aus Wildnis kultiviert, und den vielen uns bereits gleichaltrigen Kinder, die uns Onkel und Tante hätten titulieren müssen.

Unsere Besuchsreisen am Sonntag waren aus heutiger Sicht unwahrscheinliche Marschleistungen nach einer arbeitsreichen Woche, und Montag war wieder ein Arbeitstag. Und doch freuten wir uns auf solche Sonntage. Kamen wir stark ermüdet Heim, desto tiefer war der Schlaf, und alle Müdigkeit war bis zum Morgen geschwunden. Erst nach meiner Volksschulzeit oder kurz vorher tauchte auch bei uns ein Fahrrad auf, und dann musste man das Fahren erst lernen, Vater und Mutter aber nicht mehr.

Meine Großmutter mütterlicherseits

Meine Großmutter Auguste Rahel Klinger aus Lappenischken heiratete 1874 den Schuhmachermeister Johann Ferdinand Schwede. Sie wohnten fortan in Memels Vorort Janischken unmittelbar an dem Dangefluss neben der Eisenbahnbrücke. Die Großmutter war eine sehr resolute Frau, die das geringe Einkommen ihres Mannes, der überdies leidenschaftlich und mit viel Zeitaufwand in der Dange angelte, durch eine Kellerwirtschaft in der Friedrich Wilhelm Strasse, in der besonders an Markttagen nach dem langen Fahrweg die Bauern ihr zweiten Frühstück einnahmen, aufzubessern wusste, so dass sie es zu einem kleinen Grundstück mit drei Häusern in der Junkerstrasse brachten.

Meine vor der Ehe geborene Mutter bekam noch einen Bruder und zwei Schwestern: mit Lina, Emma und Martha für die Umwelt das Dreimädelhaus und mit viel Ausgelassenheit. Es waren:

1. John Schwede, der nachmalige wohlsituierte Kaufmann am Markt, seine Frau eine geborene Plewe.

Er hatte 2 Söhne. Der Sohn Werner ertrank im Jünglingsalter an der Ostsee.

Der Sohn Herbert fiel im Russlandfeldzug. Dessen einziger Sohn lebt mit seiner Mutter in Cuxhaven- Altenwalde als Leiter der Sparkassen-Zweigstelle. John Schwede starb frühzeitig, Folgen des berufsbedingten Alkoholkonsums.

 

2. Emma Schwede, verheiratet mit dem Schlossermeister Ernst Böttcher in Berlin-Charlottenburg. Mit einem kleinen Milchgeschäft erhöhte sie das Familieneinkommen und kam im Krieg hier zusammen mit dem einzigen Sohn Erwin, Ingenieur bei der Lufthansa, und dessen Braut bei einem Bombenangriff unter dem zusammenstürzenden Haus ums Leben, während ihr Mann, zufällig in ihrem Schrebergarten am Wannsee, verschont blieb.

3. Martha Schwede, verheiratet mit Ludwig Klinger. Sie besaßen ein Kolonialwarengeschäft mit Schankbetrieb in der Libauer Strasse in Memel. Auch sein früher Tod ist dem Alkohol zuzuschreiben, bereits 1922. Seine älteste sehr hübsche Tochter Erika starb in Jungmädchenalter an Tuberkulose. Die Tochter Hilde, verheiratet mit Sodeik lebt, seit 1983 verwitwet, in Lüneburg.

Bei meiner Tante Martha war ich während meine Seminarzeit fast wie zu Hause, schaute nach den Schulaufgaben der Kinder und fand, als ich Memel verließ, sehr oft Nachtasyl bei Stadtbesuchen. Sie war eine ausgesprochene Frohnatur und galt nach dem Tode ihres Mannes als die überall gerngesehene "Lustige Witwe."

Nicht vergessen werde ich meine Großmutter Auguste mit einem dick verbundenen Auge. Ihr Ferdinand war im Traum wieder in der selbsterlebten blutigen Kavallerieattacke bei Gravelotte im Französischen Krieg 1870, sieht da seinen Kameraden und schreit ihm laut zu: "Achtung! Ich haue links!" Und die Großmutter konnte längere Zeit ihr blaues Auge nicht verbergen.

Alt geworden und überdrüssig mit den Umständen als Hauseigentümer und Vermieter, verkauften sie den Besitz. Mit dem ersten Weltkrieg kam die Inflation, und ihr Geld war nichts mehr wert.

Als ihr Ferdinand starb, nahm die Tochter Martha sie zu sich, und auch hier wollte die rüstige alte Dame ihr Brot richtig verdienen, stand sehr frühzeitig auf, kochte den Kaffee, viel zu früh, wärmte ihr mehrfach, zum Verdruss der langschlafenden Tochter - diese hatte das Geschäft an die Verwandten Erich und Walter Pfeifer abgegeben - und ließ sich auch das Abwaschen nicht nehmen, selbst als die Augen die verschutzten Stellen nicht mehr erkennen konnten.

Die energische und nimmermüde Großmutter starb nach kurzem Krankenlager an Altersschwäche.

II Vater Richard Klinger und seine Familie

Meine Eltern in Corallischken

Mein Vater Richard Klinger, geb. 22.11.1866, war der jüngste unter den Geschwistern. Die Schule besuchte er in Karlshof bei Corallischken, war aber im Sommer auch zum Hüten des Viehs auf dem Elternhof beurlaubt. Er verzählen oft von dem weiten und unwegsamen Hin zum Konfirmandenunterrichtet nach Crottingen. Den Vater verlor er, als er noch nicht neun Jahre alt war. Nach seiner Konfirmation kam er zum Schmiedemeister Mierwald, dessen Frau eine Verwandte war, in Clemmenhof. Krug in die Lehre, mit Kost und Logis, wie es damals üblich war, machte seine Gesellen und Meisterprüfung und einen Sonderlehrgang für Hufbeschlag.

Als er 1890 Lina Klinger, die Tochter seiner Cousine Auguste Klinger aus Lappenischken, heiratete, pachtete er ein vom Gutshof abgelegenes kleines Grundstück mit Schmiede des Rittergutes Corallischken an der Strasse Dinweten-Plicken. Er betrieb die Landwirtschaft, arbeitete mit einem Gesellen die Schiedeangelegenheiten für das Gut gegen Bezahlung, aber auch für andere Kundschaft.

Hier in Corallischken wurde ich als 4. Kind meiner Eltern geboren, erinnere mich noch des kleinen Teiches, der allerlei Kurzweil bot, des kleinen Baches Baugst mit seinen Fischen, bestaunte die nahe Windmühle Herzigkeit und hatte manche Freude auf dem Benachbarten Hof meines Onkels Gottfried, der neben einer kleinen Landwirtschaft den Straßenwärterposten übernommen und auch eine Verwandte geheiratet hatte.

Eigensiedlung in Clemmenhof

Im Jahre 1904 zogen wir um nach Clemmenhof. Der Rittergutsbesitzer Frenzelbeyme hatte Corallischken mit den Vorwerken aufgegeben und das weniger Umfangreiche Rittergut Clemmenhof gekauft. Auch hier beschränkte er sich auf 1200 Morgen mit dem hochwertigsten Boden und ließ die gutsabgelegenen Ländereien für Bauernsiedlungen parzellieren. Mein Vater hatte zwar noch nicht genug Eigenkapital, aber er hatte von Corallischken her soviel Vertrauen erworben, dass der Gutsherr mit einer entsprechenden Hypothek es ihm möglich machte. In kurzer Zeit musste nun auf leerem Boden aufgebaut werden.

So besaßen wir jetzt ein Eigengrundstück von 40 Morgen, direkt an der Steinstrasse Memel-Dingweten, 6 km von Memel entfernt. Nicht in der Grundstücksmitte, sondern unmittelbar an der Strasse entstand unsere Hof, nach fränkischer Anlage ein Hofviereck mit Wohnhaus, Stall und Scheune und ganz in Straßennähe die Schmiede. Später wurden die noch bestehenden Lücken durch eine Wagenremise und einen Holzschuppen geschlossen. Natürlich fehlte auch nicht ein Plumpsklosett in Stallnähe. Schließlich wurde noch ein großer Garten für Obst und Gemüse angelegt, und um das Gehöft wurden junge, aber schon hochgewachsene Birken gepflanzt, die Gewitterschutz geben sollten.

40 Morgen waren eine unbefriedigende Größe, für 1 Pferd zuviel, und 2 Pferde wurden wirtschaftlich nicht ausgenutzt. Aber die heranwachsenden Kinder stellten den Vater in größerem Umfang von der Landwirtschaft frei, so dass er eine hinreichende Kundschaft für seine Schmiede sich zulegen konnte. Nach guter Zeit gelang es, 20 Morgen angrenzendes Gelände zuzukaufen, besonders günstig für unsere bisher arge Weide wirtschaft, so dass nun auch die Erträge der Landwirtschaft befriedigten.

Unser Wohnhaus, aus roten Ziegeln gebaut wie Stall und Schmiede und mit roten Pfannen gedeckt wie alle Gebäude, wurde der größer werdenden Familie arg eng. An einem Ende die Wohnstube, zugleich als Schlafraum für Eltern und ein Kind, und die gute Stube mit Polstermöbel und Teppich für Besucher und mal auch den Sonntag beide durch einen Kachelofen mit Warmhalteröhre heizbar. Nicht heizbar waren die beiden Kammern am anderen Hausende als Schlafräume der Kinder und die kühle Speisekammer. In Hausmitte auf der Hofseite war die Wohnküche, auf der Gartenseite ein Durchgangszimmer mit Glasveranda.

Stuben und Kammern hatte Fußböden aus gehobelten, aber nicht gestrichenen Dielen, die in Zeitabständen gescheuert wurden. Ausgelegt waren sie mit etwa 70 cm breiten stubenlangen Flichendecken. Abgelegte Kleidungsstücke wurden aufbewahrt, und wir Kinder schnitten die brauchbaren Teile zu etwa 1 1/2 cm breiten Streifen, die wir aneinander nähten und zu großen Knäueln rollten. Auf einer Besuchsfahrt zum fernen Szabern-Wittko lieferten wir diese Ballen ab und da staunte ich dann, wie unter den Händen unserer Oma, Vaters Mutter, auf ihrem Webstuhl aus den wertlosen Streifen bodenwärmende Decken für unser Zuhause wurden.

Der Boden in unserer Küche war Zement, höchstens bis hierher durften wir mit unserer schmutzigen Fußbekleidung. Liefen wir nicht barfuss, so trugen wir die leicht an- und abzulegenden Lederklumpen, Holzunterbau mit Lederblatt und Lederkappe, vom Vater in langen Winterabenden selbst gefertigt. Bei starkem Frost zogen wir die sogenannten Gänserümpfe vor, völlig aus Holz, das Wärme oder auch Kälte schlecht leitet und die Füße warm hält, mitunter auch so weit, dass man noch eine Lage Stroh einlegen konnte. Aber sie waren nicht bequem im Gehen.

Gegessen wurde wochentags in der Küche. Meist waren es Erzeugnisse der Eigenen Landwirtschaft Frischfleisch vom Metzger gab es wenig, aber wöchentlich brachte Mutter die verschiedensten Fische vom Fischmarkt mit: Dorsche, Flunder, Strömlinge, Grosse und Kleine Stint und besonders Heringen. Nach Vaters Meinung ging Mutter nicht gerade Sparsam um bei der Herstellung der Mahlzeiten, wenn sie mit reichlich Sahne die Speisen besonders schmackhaft bereitete. Sehr beliebt waren die Hülsenfrüchte, Erbsen oder Bohnen mit Speck oder ein fester Brei aus kleinen grauen Erbsen, Peluschken genannt, wobei der kalte Breirest am nächsten Morgen in der heißen Milchsuppe besonders Begehrt war.

An harten Wintertagen glitzerten an der Außenwand unserer Schlafkammern die gefrorene Atemluft wie eine Tapete aus Eiskristallen und die Oberseite unserer dicken Federbetten waren dann froststeif, so dass wir uns manchmal eine mit heißem Wasser gefüllte Flasche mitnahmen, aber das Zubettgehen und Aufstehen benötigte doch eine Überwindung.

Und erst die Erledigung der natürlichen Bedürfnisse! Das dafür bestimmte dreisitzige Häuschen fügte sich der Hofumrahmung ein, neben dem Stall. Der meist morgendlich Gang über den ganzen Hof bei klirrendem Frost und oft schneidendem Wind war geradezu eine Zumutung, und war der Weg durch hohe Schneewehen versperrt, so stampften wir Kinder oft lieber in den Schnee des nahen Gartens oder vertauschten gar mit dem warmen Stall das zugige Plumpsklosett. Das Plumpsen hatte dann längst aufgehört, denn der strenge Frost hatte die auf eine feste Eisschicht hinabfallenden menschlichen Exkremente rasch zu einem bedrohlich höherwachsenden Turm erstarren lassen, der von Zeit zu Zeit mit einem Spaten umgestoßen werden musste.

Die Familienzugehörigen in Clemmenhof

In Clemmenhof wuchs unsere Familie auf folgenden Stand:

Vater Richard Klinger, geb. 22.11.1866, gest. 06.02.1941

Mutter Lina Klinger, geb. 09.09.1871, gest. 16.03.1946

Sohn Max Klinger, geb. 22. .1892, gest. 22.03.1980

Sohn Erich Klinger, geb. 13.11.1893, gest. 10.10.1971

Tochter Käthe Klinger, geb. 06.11.1898

Sohn Bruno Klinger, geb. 20.04.1900

Sohn Albert Klinger, geb. 04.12.1903

Sohn Alfred Klinger, geb. 16.11.1908

Im allgemeinen wäre zu sagen Vater und Söhne waren etwa 1,67 bis 1,68 Meter groß, Mutter und Käthe um einige Centimeteer kleiner. Alle hatten braune Augen und dunkelblondes Haar und stärkere Hände. Alle verfügten über eine gute Gesundheit, Max und Käthe mit einem empfindlichen Magen. Max und Alfred waren als Kleinkind gar mit der gefürchteten Diphtherie fertig. Für niemand aus den Clemmenhoefer Jahren wurde ein Krankenhausaufenthalt nötig. Es genügten meist die Überlieferten und selbstgesammelten Kräuter des Wegrandes wie Kamille, Schafgarbe, Thymian, Pfefferminze, Lindenblüten und das Wurmmittel Zitwersamen.

Der Vater, immer zäh und schlank, mit rötlichem Schnurrbart und hochgezwirbelten Enden, war eine erste und stille Natur mit weichem Gemüt, war nie bereit, ein Tier zu schlachten, hatte in jungen Jahren zeitweise heftige Magenschmerzen, wobei er oft die Schmiede verließ und in der Stube auf dem Boden sich wälzte vor Schmerzen, die auch Ärzte nie recht diagnostizieren und beseitigen konnten und die mit zunehmendem Alter völlig verschwanden. Es blieb aber die Vorliebe für leichte Kost. Prostatawucherungen zwangen ihn 1941 ins Krankenhaus, wo ich ihn als Soldat auf seinem sehr schmerzhaften Krankenlager noch besuchen durfte.

Die Mutter wurde in höheren Jahren sehr korpulent. Sie war entschieden resoluter als der Vater. Mit 74 Jahren hat sie den Treck vor den anrückenden Russen im offenen Wagen durch winterliche Kälte 1944/45 mit Fliegerangriffen von Ostpreußen über das Eis des Frischen Haffes bis nach Ahlen-Falkenberg in Obhut von Max und besonders Käthe gut überstanden. Ihr Tod, 16.03.1946, altersbedingt und Herzversagen, war, wie Käthe berichtet, wegen Mangel an in damaliger Notzeit nicht zu beschaffenden Vitaminen nicht aufzuhalten.

Denke ich an meine Mutter, so fallen mir sofort die vorzüglichen Quarktorten ein, mit denen sie uns bei jedem Familientreffen in Clemmenhof, auch als sie schon Altsitzer waren, willkommen hieß und mit denen sie nicht zu übertreffen war.

Max machte seine kaufmännische Lehre im Kolonialwarengeschäft mit Schankbetrieb bei Onkel Ludwig Klinger in Memel, Libauer Strasse, dessen Frau Mutters Schwester war, und wechselte dann nach Prökuls zum Geschäft mit Saalbetrieb des Kaufmanns Ball.

 

Max wurde 1913 zum Jäger-Regiment zu Pferde nach Insterburg für 3 Jahre eingezogen, imponierte mir immer mit seinen Berichten über die Gefechtsausbildung mit der langen Lanze und Später über die einzige 1914 gegen eine russische Stellung gerittene Attacke, die letzte des Krieges angesichts der aufgekommenen Maschinenwaffen. Die Lanzen wurden fortan durch Karabiner ersetzt, Gewehre mit kürzerem Lauf. Max war nur im Ostfeldzug, hatte dort Jahre als Kompaniefeldwebel und Mutter der Kompanie diese zu betreuen.

Nach Jahren kehrte er als 1. Kraft zu Ball nach Prökuls zurück, heiratete 1921 die Kellnerin Berta Mörike, die daselbst den Restaurationsbetrieb auf eigene Rechnung führte, und kaufte dann das abgewirtschaftete Kolonial- und Schankgeschäft in Darzeppeln mit 40 Morgen Ackerland und 10 Morgen Wiesen. Die Ehe blieb kinderlos. Max erwarb durch seine reelle kaufmännische Art und durch seine allgemeine Sachkunde Achtung und Vertrauen und Übernahm bald das Amt des Gemeindevorstehers und Kassierers, das er bis zur Vertreibung führte, zuletzt auch die Vertretung des Amtsvorstehers.

Zusammen mit Schwager Tomaschewski, Käthe und Mutter retteten sie sich im Treck, nachdem sie zur Erleichterung des Wagens bis hierher gerettete Schätze einfach abwarfen, über das schon brüchige Eis des Frisschen Haffes und die Nehrung vor den nachdrängenden Russen in den Westen, nahm Wohnung in Lübberstedt mit einer Beschäftigung in der Fischindustrie in Bremerhaven und übernahm dann im neu urbar gemachten Moorgebiet Ahlen-Falkenberg Ein Grundstück zur Einrichtung eines Geschäfts, das er in höheren Jahren dem Sohn seines Bruders Alfred, Hans Klinger, übergab.

Er zog nach Cuxhaven, wo er in Lehmkuhle 5 ein Eigentum erworben hatte. Bald nach dem Tode seiner Berta zog er sich in die Betreuung von Hanna, Hansens Frau, vollends nach Ahlen Falkenberg zurück, wo er sich heimischer fühlte und am 22.03.1980 starb. Herzschlag im Sessel nach lustigem Geplauder im Lokal, ein Schock für die Angehörigen, letztlich für alle eine Gnade.

Erich hatte es körperlich am schwersten, der nach der Hofübernahme Stall- und Hofgebäude erst vergrößern musste mit einem bisher vermissten Keller. Dazu übernahm er vom Vater das Amt des Gemeindevorstehers, während Vater neben der gelegentlichen Mithilfe auf leichtere Schmiedearbeit sich zurückzog.

Die Ostkatastrophe hat Erich und seine Familie am härtesten getroffen. Im Sommer 1944 geflüchtet, dann zurückgekehrt und im Oktober 1944 endgültig den Eigenhof verlassen. Die einzige Strasse war bald abgeriegelt, und so schien ein Entkommen nur möglich das Mündungsgebiet des Memelstromes. Doch auch hier waren die Russen schneller, und so retteten Erich und seine Familie allein das nackte Leben über das Kurische Haff.

Dann in Calbe an der Saale mit zusätzlicher Hilfe eines ertragreichen Schrebergartens die schlimmsten Nöte einigermaßen gemeistert, wagte er nicht wie so viele andere das Hinüber in die Bundesrepublik und dort bei nun schon angeschlagener Gesundheit erneut vor dem völligen Nichts zu stehen.

Er blieb als einziger unserer Familie in der DDR. Tochter Waltraut war eine Zeit im Schuldienst tätig, heiratete dann den Bauer Gade in Diesdorf in der Altmark.

Erich starb am 10.10.1971 in Calbe nach langjährigen Bronchialbeschwerden an Herzversagen. Zu seinem Begräbnis in Diesdorf konnten alle seine Geschwister ihm, unsrem ersten Toten, persönlich die letzten Grüße bringen.

Käthe musste zu ihrem Leidwesen auf eine berufliche Ausbildung wegen des Arbeitsanfalls daheim verzichten, zumal der als Hoferbe vorgesehene Bruder Erich wegen Militärdienst und Krieg von 1913 bis 1920 ausfiel. Erst 1931 verließ sie den elterlichen Hof und ging als Hilfe zu Bruder Alfred, der ein Geschäft in Laugszargen übernommen hatte. Sie heiratete, wurde aber nach wenigen Jahren geschieden.

Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt bei uns in Deihornswalde und einem missglückten Geschäft in Gumbinnen war sie dann im Geschäft Schipporekt in Schenkendorf im Mündungsgebiet des Memelstromes tätig, heiratete dort am 15.09.1939 den verwitweten Moorverwalter Fritz Tomaschewski eine harte Aufgabe, neben dem noch kleinen Helmut noch 3 schon erwachsene Töchter, und landete mit Bruder Max im Treck in der Mooradministration Ahlen-Falkenberg.

Seit der Pensionierung ihres Fritz lebten sie und lebt sie nach dessen Tod noch heute auf dem kleinen Eigentum in Sahlenburg, Schwalbenweg 3, wo Fritz am 29.07.1958 starb. Mit heute 85 Jahren verfügt sie noch über eine gute Gesundheit, lebt allein, aber sorgenfrei mit einer guten Rente. Eigene Kinder hat sie nicht.

Albert und Alfred galten daheim als die Raubenkönige, und nichts interessierte sie so sehr wie das Geschehen im oder im großen grünen Taubenschlag mit den billigen Spochts und dann auch wertvolleren Hochfliegern und dabei manch zweifelhaftem Geschäft. Früh regt sich der spätere Kaufmann.

Albert lernte Kaufmann im Eisengeschäft Emil Godlowski in Prökuls, dessen Frau war eine Cousine meiner Mutter. Über Albert hatte sein Chef sehr zu klagen, um seine für den Umgang mit Kunden unmögliche Ungewandtheit im Sprechen oder eher Sprechträgheit. Erst nach Beendigung der Lehrzeit und Wechsel in Memels größtes Eisengeschäft Schwerdter konnte er durch seine Verlässlichkeit und peinliche Exaktheit in Kontorarbeiten,, besonders um Zollabfertigung mit litauischen Behörden seine Fähigkeiten aufzeigen, wurde nebenbei ein beachtlicher Schachspieler, der manche Trophäen aus Städtewettkämpfen heimbrachte. Die zahlreichen Gäste bei der Taufe seines ersten Sohns auch völlig übersah und in einer stillen Ecke im Schach mit einem Gleichgesinnten gänzlich abwesend war. Mit seiner Frau, Anna Reimer, hat er drei Söhne: Heinz, Rolf und Peter.

Das Soldatenleben im zweiten Weltkrieg führte ihn bis nach Norwegen. Nach Kriegsende wurde er nach Hannover verschlagen, wo er auch als Rentner noch die schriftlichen Geschäfte eines Glasereibetriebes führte und lebt heute noch mit seiner Anna in Laatzen.

Zeitlebens hatte er als einziger unter seinen Geschwistern ein beträchtliches Übergewicht wie heute sein Sohn Peter und einst unser Onkel John Schwede. Gesundheit und Beweglichkeit sind heute geringer als die seiner Geschwister. Alfred begann nach Beendigung seiner Schulzeit eine Lehrstelle in der Maschinenschlosserei Henning in Memel-Janischken, musste sie aber nach einem halben Jahr wegen Erkrankung aufgeben.

Am 01.02.1925 trat er in die kaufmännische Lehre bei Onkel John Schwede, Mutters Bruder im Kolonial-Schankgeschäft und Handel mit landwirtschaftlichen Maschinen und dessen Nachfolger Kurschat und Müller.

Am 01.02.1928 war er dann im Geschäft Bialla im Grenzort zu Deutschland, Pogegen, beim Aufbau einer Eisen- und Baumaterialabteilung beschäftigt, heiratete am 29.8.1932 die dort auch tätige Meta Simeit und pachtete bereits am 01.08.1931 für 10 Jahre die Gastwirtschaft mit Saalbetrieb in Laugszargen, dem Grenzort zu Litauen.

Ein Jahr nach Ausbruch des 2. Weltkrieges siedelte er allein nach Soldau-Lolen über, das die Deutschen erobert hatten, als Geschäftsführer der Getreidehandel Südostpreußen und überließ seiner Meta das Geschäft Laugszargen bis zum Pachtablauf.

Trotz seiner in Soldau wirtschaftlich wichtigen Aufgaben blieb ihm der Einsatz in der Wehrmacht nicht erspart. Im Oktober 1942 zur Wehrmacht einberufen, landete er bei einer Division vor Petersburg. Er entging aber der späteren allgemeinen Katastrophe im Osten, indem er wegen schwerer Erkrankung in die Heimat überführt wurde und dann nach Genesung über mehrere Zwischenstationen bei der Nachrichtentruppe glücklich das Kriegsende erleben konnte.

Alfred hat mit Meta 3 Söhne: Hans, Wolfgang und Klaus-Jürgen, dieser mit 2 Jahren gestorben. Alfred unter den Geschwistern der bei weitem gewiegteste Kaufmann, hat aber mit der Katastrophe sein gesamtes Vermögen verloren. Doch mit Meta und den Kindern zusammengefunden, meisterte er verhältnismäßig gut die folgenden Not- und Hungerjahre.

Schließlich nach manchen Pannen eröffnete er mit einem Fachmann, er als Geldgeber, einen chemischen Betrieb zur Herstellung von Reinigungsmitteln, musste auch empfindliche Veruntreuungen durch seinen Kompagnon überstehen, führte den Betrieb dann allein weiter und wurde ein wohlbestallter Bürger mit zweifachem Hausbesitz in Gütersloh.

Meine Schwiegereltern

Kindheit und Berufssoldat

Gerdas Vater, Eugen, Albrecht Heinrich Losereit wurde am 5.3.1882 als Sohn des Leuchtturmwärters Christof Losereit und seiner Ehefrau Lina geb. Burnus, zu Windenburg an der Gefahrenreichen Mündung des Memelstromes ins Kurische Haff, geboren. Seine Eltern zogen später nach Heydekrug, er als Gefangenenwärter, und dann übernahm sie die Verpflegungswirtschaft des Gefängnisses und waren seitdem wirtschaftlicher Sorgen enthoben. Mit 12 Jahren tauschte Eugen die Volksschule mit dem Königlichen Militär-Knaben-Erziehungsinstitut in Annaberg von 1894 bis 1897.

1900 ging er zum Militär, wurde Berufssoldat bis 1919, zum Ende des 1. Weltkrieges, dessen Nöte er auf den verschiedensten Kriegsschauplätzen gründlich erlebt hat. Er heiratete 1907 in Memel die Elisabeth Auguste Sabrowski, geboren am 19.05.1884, Tochter des Zimmermanns und Bauunternehmers Wilhelm Sabrowski und seiner Ehefrau Dorothea Anna, verwitwete Schedauski, geb. Schernitzki.

Sie wechselten den Wohnsitz zwischen den Garnksons und Hafenstädten Pillau und Memel, und hier in Memel wurde am 20.05.1909 meine Gerda geboren, wuchs zunächst als Kasernenkind heran und blieb Zeit ihres Lebens zutiefst mit der See verbunden. Stadtangestellter in Memel und Stettin

 

Als Feldwebel-Offiziersanwaerter 1909 aus der Wehrmacht entlassen, wurde er Sekretär bei der Stadtverwaltung Memel. Mit der Angliederung des Memelgebietes an Litauen 1923 Litauer geworden, optiert er wie auch ich für die deutsche Staatsangehörigkeit zurück. Der litauische Präfekt entzog ihm nach einiger Zeit die Aufenthaltsgenehmigung, und nun siedelte er zur Stadtverwaltung nach Stettin über und tat dort Dienst als Obersekretär.

Im Jahre 1943 überstand er mit seiner Elisabeth im Keller glücklich die Bombenteppiche, während das Haus über ihnen zusammenstürzen. Seine Frau evakuierte zu ihrer Tochter nach Deihornswalde, und mit dem Anrücken der Russen nach Lanskroun in der Tschechei, wo er sich, als Stettin geräumt wurde, hinzugesellte.

Rentnerleben in Grabow/Mecklenburg

Mit Kriegsende musste er auf Knien die bösartigsten Drangsalierungen der hasserfüllten Tschechen über sich ergehen lassen. Beide landeten dann unter Zurücklassung ihre bis dahin geretteten Werte, insbesondere Ihres Silberschatzes aus diversem Essbesteck u.a. bei der Familie Aloisia Junkowa, Skolni 133, in Lanskroun auf Jahre in einer beschämenden Hinterhauswohnung in Grabow/Mecklenburg.

Ihre Dürftigkeit, total geschädigt und nur die geringe Altersrente, den verbliebenen Silberschatz haben sie nie zurückgefordert - wusste der Schwiegervater zu mildern durch Mitarbeit im Wäschereibetrieb der Frau Gach, die ihnen schließlich in ihrem Haus eine bescheidene Zweizimmerwohnung zur Verfügung stellte.

Eng mit Kirche verbunden, er lange Zeit Presbyter, waren sie im kleinen Kreis Gleichgesinnter derart heimisch geworden, dass sie es vorzogen, die Schwiegermutter bereits von Alter und Krankheit gebeugt, nicht nochmals umzusiedeln in unser Langenberg und hier doch nicht mehr heimisch zu werden, und damit opferten wir Jahr um Jahr einen Grossteil unserer Sommerferien zum Besuch in Grabow, in uns doch allmählich Überwindung abverlangende dürftige Wohnverhältnisse.

über das Wesen der Beiden

 Eugen war eine stattliche schlanke Gestalt von etwa 1,78 Meter, blond, in Memel besonders stolz auf den Kriegerverein. Sein stilles, friedliches, bescheidenes Wesen trug dazu bei, dass es trotz der heftigen Zornausbrüche seiner nervlich belasteten Frau doch eine lange glückliche Ehe wurde.

Sein Elisabeth, auch blond, etwa 1,65 Meter groß, ihm geistig überlegen, stets peinlichst bemüht um äußerste Sauberkeit in Kleidung und Wohnung, war eine vorzügliche Wirtschafterin und Köchin, mit einem seltenen Gedächtnis bis ins Alter hinein und hellwach bis in ihre Todesstunde.

Trotz ihrer geringen Rente hatten sie Friedhofs und Grabpflegekosten für die gesamte Ruhenszeit abgegolten und hinterließen Ersparnisse, die uns die Besuche ihrer Gräber finanziell nicht spüren lassen sollten. Beide starben an Altersschwäche in der Wohnung, er am 09.09.1965, sie am 15.08.1967 bei unserem dortigen Besuch. Beide ruhen auf dem Friedhof in Grabow.