| Anregung
zur Familienforschung
Berchtesgaden, im
Juli 1923. In einer Herbergsgaststube sitzen wir 10, die im Jahr zuvor die 1.
Lehrerprüfung bestanden haben, über eine arte gebeugt und studieren die bewegte
Salzburger Landschaft, wohin die Reise morgen hinführen soll.
Die Karte ist
verwirrend mit den gehäuften Einzelheiten. Plötzlich stutze ich. In einem Bezirk
gedrängt lese ich Klingerbach, Klingeralm, Klingerwald, Klingerberg. Liegt hier etwa die
Heimat meiner vorfahren, aus der ein grausames Schicksal sie vertrieben hat? Ist die
mündliche Überlieferung in der Familie also wahr, dass wir gebbürtige
Salzburger sind?
Ein sonderbares
Gefühl überkommt mich. Was hat man alles lernen und behalten müssen! Regierungszeiten
unserer Könige, Kriege, Schlachten, Ereignisse in aller Welt! Aber Familiengeschichte ist
doch auch Geschichte, die mir sogar interessanter gewesen wäre über alle Höhen und
Tiefen der großen Geschehen hinweg. über jene Geschichte geben Bücher Auskunft aus
allen Zeiten. Aber hier! Nur mündliche Überlieferungen, die höchst dürftig nur sind,
meist über die Großeltern auch kaum hinausreichen.
Dort angesichts der
Salzburger Bergwelt wurde meine Interesse wach, dem Familiengeschehen nachzuspüren
und
laufend Bemerkenswertes festzuhalten. Das geweckte Interesse erhielt Auftrieb durch den
1933 an die Macht gekommenen "Führer" Adolf Hitler, der bei seiner Lösung der
Judenprobleme mit den Nürnberger Gesetzen "Zum Schutz des deutschen Blutes und der
deutschen Ehre" von jedem Deutschen verlangte, bis zu den Großeltern
einschließlich den Nachweis der arischen Abstammung zu führen. Dieser Zwang wurde für mein Vorhaben
insofern positiv, als nunmehr die zuständigen Dienststellen verpflichtet waren,
Auskünfte zu erteilen oder entsprechende Unterlagen zur Einsicht vorzulegen.
Schwierigkeiten bei
der Ahnenforschung
Ich ahnte nicht die
Schwierigkeiten und geradezu Unmöglichkeiten, rückschreitend das Dunkel der
Familiengeschichte aufzuhellen, muss allerdings auch eingestehen, dass über
große Zeiträume ich ermüdet das Anliegen nicht verfolgt habe und dass mündliche Quellen
inzwischen verstummten.
Als schriftliche
Quellen kamen die Aufzeichnungen in den Pfarreien in Frage, denn sie waren einst zugleich
Standesämter. Bei den Nachforschungen in den Kirchenbüchern ergaben sich immer wieder
Ungereimtheiten durch eine oft schwerleserliche Handschrift oder Verschiedene
Schreibweisen wie Kliger -Klingerine, Lippke, Loepke-Lopke oder gar
Guppe-Gubbe-Gubantin-Guppas, bis ich die Ursache erkannte.
Klinger-Klingerine erklärt
sich schon aus der litauischen Nachbarschaft. Eine befreundete Nachbarin meldet
beim fernen Pfarrer, die Klingerin habe einen Sohn geboren, und so trägt
der Pfarrer den
Akt ein. In der Litauischen Sprache gibt die angefügte Endsilbe gleich die Stellung im
Haushalt an:
Klingeris - der
Vorstand der Familie Klingerine (oder Klingeriene) - seine Frau Klingerike (oder
Klingeraite) - die Tochter Klingeruks - der Sohn
Und wenn der Pfarrer
gar schwerhörig war oder der Meldende undeutlich sprach und des Schreibens unkundig war,
so entstanden gar solche Abweichungen wie bei Guppe. Wenn ich Erforschtes niederlege, so
möchte ich verhindern, dass mit mehr oder weniger Mühe festgestellte Familiendaten jetzt
nach dem Verlust der Ostgebiete für die Nachfahren für alle Seiten verloren sind, aber
auch anregen, diese Aufzeichnungen für spätere Generationen im Sinne einer
Familiengeschichte fortzuführen, auch wenn die Geschichtsereignisse mit ihren
Auswirkungen auf jede einzelne Familie fortan in ruhigeren Bahnen abläuft.
Bei meinem Suchen
nach Vergangenem habe ich schmerzlich bedauert, keinerlei schriftliche Aufzeichnungen
eines Vorfahren vom persönlichen Leben und Erleben vorgefunden zu haben, und sie haben
doch auch gewaltige Erschütterungen durchlebt: Eigener Auszug aus Salzburg, Russenzeit,
Franzosenzeit.
In meinen
Lebensjahren wurde die Geschichte geradezu umwälzend wie selten in Jahrhunderten zuvor,
und so sähe ich es als geradezu sündhaft an, wenn ich meinen Nachfahren keine
Aufzeichnungen dieser Zeitgeschehnisse hinterließe.
Ich stelle in meinen
Auslassungen erforschte nackte und damit oft wenigaussagende Familiendaten voran, berichte
dann aber eingehend vom Eigenerleben, von Jung- und Fröhlichsein, von
Freud und Leid, von harter Arbeit, vom verlorenen
Ostpreußen, kurz wie
mehr als 80 Jahre über mich und meine Familie hinweggezogen sind.
Der erste
nachweisbare Vorfahre
Als frühestens
nachweisbaren Vorfahren muss ich Johann Klinger nennen. Im Taufregister 18799/1815, Seite
31,
der St.
Johanneskirche in Memel fand ich die Eintragung:
).Sept., Louise, geb.
8.Sept. 1800
Pater: Johann Klinger
ein Kutscher aus Bachmann
Mater: Louise Gubatin.
Zeuge: Rose, Reimer, Lankowa.
Im Taufregister 1802
nr. 20 der Kirche in Deutsch Crottingen war verzeichnet:
Lappenischken, Louise
Sophie, geb. 7.Februar, getauft den 12.Februar.
Pater: Johann
Klinger, ein Buschwächter.
Mater: Louise
Zeugen: 1. Gurges
Pazzamors
2. Johann Sidow
3. Christus Zembries
4. Sidowin
5. Frau Inspektorin
Rhenius aus Bachmann
Die Domänenherrin auf Bachmann hielt nach Sembritzki "Memel" einen Hofstaat um sich mit
Gesellschafterin,
Kammerzofe, Wirtin,
Stubenmädchen, Köchin und Kutscher und den sehr frommen Pächter auf Lebenszeit Rhenius,
verheiratet mit einer Nichte der Frau Goese, der schließlich veranlasste, dass die
verschwenderische Frau Goese als blödsinnig unter Kuratel gestellt würde. In dieser
Stellung als Kutscher dürfte sich unser Vorfahre bei engsten menschlichen Beziehungen
Vertrauen und hohe Wertschätzung erworben Haben, die zur Übernehmen der Försterei
führten.
Lappenischken gehörte
zu den Resten eines ungeheueren Grenzwaldgürtels, den seinerzeit der Deutsche
Ritterorden zum Schutz gegen die Einfälle der heidnischen Litauer an der ganzen Ostgrenze
entstehen ließen. Die große Domäne Bachmann, 2 km ostwärts von Memel liegend, mit dem
Gut Lindenhof in Grenznähe und dem Waldgelände Lappenischken wurde auf Veranlassung des
frommen Rhenius in eine etwa 4000 Morgen große Stiftung eingebracht und unterhielt eine
Erziehungsanstalt mit Schule für verwaiste Kinder, nur Knaben.
Aber woher kam dieser
Kutscher? Ich gab viele Jahre meine Nachforschungen auf, bis ich vor 2 Jahren durch meine
Cousin Hilde Sodeik, geb. Klinger, jetzt Lüneburg, mir bisher unbekannte Daten bekam. So
berichtet Sembritzke in seiner "Geschichte der Stadt Memel" von der Ankunft und
der Aufnahme von 200 Salzburger Emigranten 1732 in Memel, kommend mit Segelschiffen von
Stettin, von denen einer auf dem Gut Bachmann als Bediensteter seine Bleibe fand, auch
dass 1744 ein Salzburger hier tätig war als Bediensteter.
Salzburger Emigrantenschicksale
Mit Sicherheit kann
ich annehmen, dass Dieter aufgeführte Salzburger Vater oder Großvater des im
Taufregister 1800 eingetragenen Kutschers aus Bachmann ist.
Nach Gollub, dem
Verzeichnis der Salzburger Emigranten, sind 1732 23 männliche Personen mit dem Namen
Klinger nach Preußen überführt, hauptsächlich aus den Pflegegerichten Goldegg, St.
Johann und Wagrain. Da sie im Güterverzeichnis nicht erwähnt sind, dürften sie wohl
unangesessene gewesen sein, also ohne Grundbesitz. Trifft das zu, dann hatten sie die
grausamste Härte der Ausweisung erlitten, als Ketzer und Rebellen im November 1931 von
zur Hilfe gerufenen kaiserlichen Soldaten mitleidlos aufgegriffen, wie sie dastanden, in 8
Tagen über die Landesgrenze gejagt und nicht zu wissen Wohin! Die Angesessenen hatten 2
Monate Frist, vom Besitz sich zu lösen, steuerlich bei dem großen Angebot zu erheblichen
Niederpreisen.
Welche Strapazen war
der Fußmarsch von den Alpen nach Berlin! Welch Auftrieb für sie hier! Was war das für
ein Mann, dem die Tränen die Backen hinterrollen, als er seine Emigranten in Potsdam
begrüßte? "Ihr sollt es gut habe bei mir, Kinder!" Und was war das für ein
Land, in das sie nun kamen? Frömmigkeit und Toleranz bei ihrem hier erlebten neuen Herrn,
dem König Friedrich Wilhelm I., inmitten einer sonst ganz anders sich gebaerdenen Welt.
In Berlin freudig
aufgerichtet und mit gestärktem Mut gingen sie die Zukunft an. Die wurde aber hart, sehr
hart.
Welch Misere
bedeutete die winterliche Kälte mit den Notquartieren auf dem Agentreck über Oder und
Weichsel und den Bergbewohnern die lange Seefahrt on Stettin nach Pillau und gar bis Memel
mit kleinen Segelschiffen bei Wind und Wetter durch eine unruhige See! Wie katastrophal
der Gesundheitszustand der Emigranten gewesen sein muss, lässt das Totenbuch der St.
Johannes Kirche in Memel ahnen:
1732 15 Tote, davon 7
Salzburger
Januar 1733 5 Tote,
alles Salzburger.
Unser Vorfahre
dürfte zu den Glücklichen gezählt haben, dass er sofort bei der Domäne Bachmann
eingestellt wurde.
In Unkenntnis, dass
Emigrantentransporte bis nach Memel gingen, versuchte ich vergebens, im Salzburger Archiv
des Prussiamuseums Königsberg Anschluss zu finden, statt in den Kirchenbüchern zumindest
der St. Johanneskirche ab 1732 zu suchen. Hier hätte sich die Lücke von 1732 in Bachmann
angestellten Bediensteten über den Salzburger Dienstboten 1744 zum 1770 Johann Klinger
sicherlich schließen lassen. Eine wohl für immer vertane Gelegenheit, da ein weiteres
Forschen in den meines Wissens in Wilna eingelagerten geretteten Kirchenakten wohl
unmöglich sein dürfte.
Auch ohne den
urkundlichen Nachweis gibt es für mich keine Zweifel, dass die 1732 und 1744 in Bachmann
namentlich nicht genannten Salzburger unsere Vorfahren sind. Die Instleute der Güter und
Domänen jener Zeit dürften wie auch in späterer Zeit den untersten Volksschichten
gehört haben mit der geringsten Bildungsstufe. Die gegenüber der ansässigen
Bevölkerung des damaligen Ostpreußens fortschrittlicheren Salzburger wurden auf allen
Gebieten Auftrieb und Fortschritt.
So bedeutete der
erstgenannte Salzburger der Domänenherrschaft eine wertvolle Ergänzung in ihrem
Personalstand, zumal sie ihre Charakterfestigkeit durch die Emigration aufgezeigt hatten.
Und anderseits
hätten diese Salzburger in jener Zeit durch Fortzug wirtschaftlich und menschlich
nirgends besser aufgehoben sein können. 1732 Bediensteter, 1744 Dienstbote, 1800
Kutscher, eine Familienfolge immer in der Nähe der Domänenherrschaft.
Güter und Domänen
hatten noch in meiner Kinderzeit neben den Vierer-Arbeitsgespannen schnelle Pferde für
die Kutsche der Herrschaft zu persönlichem Gebrauch, ihr Kutscher vergleichsweise mit der
Vertrauensstellung des Cheffahres im Autozeitalter. Mein Urgroßvater, Johann Klinger.
Nach dem Taufregister Deutsch Crottingen wurden noch 1798 und 1800 dem Wirt und
Buschwächter Martin Zypa in Lappenischken Kinder getauft.
Nach den Akten der
Goese-Bachmannstiftung, Titel Prüfung und Anstellung der Forstbeamten heißt
es:
Translokation der beiden gewesenen Waldwächter in den Bachmannschen Gütern von
Lappenischken nach Lindenhof.
Johann Klinger muss
also die beiden versetzten Wald Wächter zwischen 1800 und 1802 abgelöst
haben. Das ist
für unsern Vorfahren eine Umstellung gewesen, eine aus dem abwechslungsreichen
"Hofleben" in die ferne Waldeinsamkeit, bestimmt aber mit dem stolzen Gefühl,
statt der täglichen Abhängigkeit eigenverantwortlich ein großes Waldgebiet zu betreuen,
mit der Zusicherung der Erbfolge für seine männlichen Nachkommen, die auch tatsächlich
ohne Unterbrechung bis zur Katastrophe 1945, also 150 Jahre ihm Folgten.
Mit der zunehmenden
Intensivierung der Waldbewirtschaftung und den gehobenen Anforderungen an den Sachwalter
war aus dem Buschwächter ein Förster geworden, dem ich in seiner schicken Uniform und
seiner straffen Haltung stets gern begegnet bin.
Wie stolz muss unser
erster Vorfahr in Lappenischken seinerzeit gewesen sein, dass trotz der damaligen
winterlichen Wegeverhältnisse ein hoher Gast, die Inspektorin Rhenius, den 12 km
beschwerlichen Weg zur Taufe des ersten Kindes dort nach Lappenischken und Crottingen
unternommen hatte.
Natürlich war mit
der Dienststelle auch 1 Hufen (60 Morgen) Acker und Weideland zur Eigenbewirtschaftung
verbunden, so dass Johann mit seiner Louise reichlich Beschäftigung vorfanden.
Im Sterberegister
1850 der Kirche Deutsch Crottingen fand ich unter dem 20.12. die Eintragung:
Buschwächter Johann
Klinger, 80 Jahre alt, verwitwet, 3 Söhne, 1 Tochter.
Und im Sterberegister
1844 unter dem 7.11. der gleichen Kirche:
Elisabeth Sophie
Louise Klinger geb. Guppas, Ehefrau des Buschwächters Johann Klinger, 2 Söhne, 1
Tochter, 70 Jahre alt.
Der Buschwächter muss also 1770, die Urgrossmutter 1774 geboren sein.
Wie die
Sterberegister aussagen, hatten sie 4 Kinder. Diese waren:
1. Ludwig Klinger
geb. 15.8.1806, gest.
27.8.1886
Er heiratete Caroline
Schmaehling, die etwa 85 Jahre wurde, und übernahm den Waldwärterposten
seines Vaters.
2. Wilhelmine
Klinger, die einen Schmied Franz in Russisch Crottingen
heiratete.
3. Heinrich Klinger
geb. 3.6.1813, der
sich in Memel niederließ, dessen Nachkommen ganz aus unsrem Blickfeld verschwanden.
4. Johann Samuel
Klinger
geb. 29.3.1804, gest.
12.5.1875, mein Großvater.
Mein Großvater Johann Samuel Klinger
Johann Samuel Klinger
heiratete nach Szabern-Wittko und erwarb nach und nach ein Grundstück von 177 Morgen, von
denen 55 Morgen Ackerland, der Rest weniger wertvolles Wald- und Weideland waren.
Als seine Frau
Henriette, geb. Lipke, nach 25-jaehriger Ehe starb, bei 13 Geburten 1850, heiratete er
ihre 16 Jahre jüngere Schwester Dorothea, die 1825 geboren war, nun auch 11 Geburten
überstand und bei ihrer Tochter Dorothea in Szabern-Wittko es bis 1907 auf 82 Lebensjahre
brachte.
Von den Kindern
wurden nur 8 erwachsen:
1. Amalie, die einen
Mosler in Kunken-Goerge heiratete
2. Wilhelm, in
Szabern-Wittko, gest. ?. Zwei mal heiratete er.
Karoline Moosler aus
Kunken-Goerge, danach ihre Schwester Auguste.
3. Johann, in
Szabern-Wittko, gest. 1917
4. August, in
Szabern-Wittko, gest. 1926
5. Gottfried, in
Corallischken. Er heiratete seine Nichte Johanna
Klinger, Tochter von
2 zuvor.
6. Heinrich, geb.
20.11.1857, heiratet seine Cousine Lippke aus
Kunken-Goerge.
7. Dorothea,
gestorben 1907, heiratet ihren Vetter August Klinger
in Szabern-Wittko.
8. Richard, geb.
22.11.1866, gest. 6.2.1941, heiratet Lina
Klinger, geb.
9.9.1871, die Tochter seiner Cousine Auguste Klinger.
Meine Eltern,
zunächst in Corallischken, ab 1904 Clemmenhof.
Durch die Aufteilung
des großen Grundstücks ergab sich seinerzeit die Kuriosität, dass in Szabern-Wittko
zeitgleich 3 August Klinger sesshaft waren: I, II, III.
Und wenn bei meinem
Großvater bei 24 Geburten nur 8 ins heiratsfähige Alter kamen, so deutet das auf die
Härte des damaligen Lebens und auf die unzureichende Hygiene jener Zeit.
Die Geburten erfolgte
durchweg daheim, und welche Kenntnis hatten derzeit die Hebammen-zumal erst 1847 der
berühmte Wiener Gynäkologe Semmelweis die infektiöse Todesursache bei den Geburten
erkannte. Immer wieder stieß ich in den Sterberegistern auf Todesfälle im
Säuglingsalter.
Großvaters Bruder,
der Förster Ludwig Klinger
Wie mein Großvater,
so hatte auch dessen Bruder Ludwig, der nachfolgende Inhaber der Försterstelle, eine
zahlreiche Nachkommenschaft. Die Zahl der Geburten ist mir nicht bekannt, ins
heiratsfähige Alter kamen gleichfalls acht: 1. Karoline, gest. 1915.
Verheiratet mit Lipke, Barschken.
2. Mathilde,
verheiratet mit
Walukat, Coadjuten.
3. Wilhelmine,
verheiratet mit
Doblies, Woiduszen.
4. Ludwig, geb.
3.6.1846, gest. 1910
Förster in Lappenischken.
Heiratet Louise Döring
aus Kissennen. 5. Marie,
verheiratet mit Stehr
in Königsberg. 6. Auguste, geb. 2.6.1850, gest. 1935.
verheiratet mit
Schwede in Memel. Meine Großmutter.
7. August, gest.
1933.
verheiratet mit
Dorothea Klinger, der Schwester meines Vaters, Szabern-Wittko.
8. Dorothea,
verheiratet mit
Schaefer in Deutsch-Crottingen.
Großmutter von Lilo
(Liselotte) Godlowski, Lüneburg.
Auffallend immer
wieder Verwandtenehen: Cousin-Cousine, und gar Onkel-Nichte. Angesichts der zahlreich
engsten Verwandtschaft war es unausbleiblich, dass die Verbindung zu Onkeln und Tanten
seltener wurden oder gar aufhörte, als wir uns mit dem Umzug 1904 nach Clemmenhof weit
absetzten. Autos gab es in meinen Kindertagen nur für wenige Begüterte, Fahrräder waren
fast noch Luxus, und die in 6 Wochentagen strapazierten Pferde hatten den sonntäglichen
Ruhetag dringend nötig.
Keiner meiner Onkel
wohnte näher als 6 km, und bis Onkel Heinrich in Kunken-Goerge waren es gar 13 km, und
doch machten wir Kinder uns in aller Herrgottsfrühe auf auch nach dorthin, wo ein
herrlicher Obstgarten, eine zarte hübsche Cousine und eine liebevolle Aufnahme uns
lockten. Bei Onkel Gottfried in Corallischken, 6 km, vergesse ich nicht das neuste
Grammophon, dessen gewaltiger Schalltrichter stets laute Fröhlichkeit hinaustönte. Wir
sind die lustigen Holzhackerbua" [sic]. Unseren Besuchen hierher haben wir es wohl
zuzuschreiben, dass auch wir zu musizieren begannen, Bruder Erich mit einer Ziehharmonika
und wir anderen mit Mundharmonikas.
Am häufigsten fanden
wir uns bei Oma Dorothea, Vaters Mutter, und Tante Dorothea, Vaters Schwester, in
Szabern-Wittko ein, 7 km, von wo wir uns rotbäckige Äpfel, lange Tannenzapfen, richtiger
Fichten, und von Oma aus unserer Schafswolle gestrickte neue Strümpfe für unsere vielen
Füße heimbrachten und von wo wir auch mal einen Sprung zum benachbarten ältesten Onkel
Wilhelm mit seinem uns imponierenden mächtigen Vollbart machten. Oft führte
uns, Erich, Käthe und mich, ein 8 km Marsch nach Eglienen zu dessen unternehmungsfreudigsten Sohn
Wilhelm auf dem 200 Morgen Hof, teils aus Wildnis kultiviert, und den vielen uns bereits
gleichaltrigen Kinder, die uns Onkel und Tante hätten titulieren müssen.
Unsere Besuchsreisen
am Sonntag waren aus heutiger Sicht unwahrscheinliche Marschleistungen nach einer
arbeitsreichen Woche, und Montag war wieder ein Arbeitstag. Und doch freuten wir uns auf
solche Sonntage. Kamen wir stark ermüdet Heim, desto tiefer war der Schlaf, und alle
Müdigkeit war bis zum Morgen geschwunden. Erst nach meiner Volksschulzeit oder kurz
vorher tauchte auch bei uns ein Fahrrad auf, und dann musste man das Fahren erst lernen,
Vater und Mutter aber nicht mehr.
Meine Großmutter
mütterlicherseits
Meine Großmutter Auguste Rahel Klinger aus Lappenischken heiratete 1874 den Schuhmachermeister Johann
Ferdinand Schwede. Sie wohnten fortan in Memels Vorort Janischken unmittelbar an dem
Dangefluss neben der Eisenbahnbrücke. Die Großmutter war eine sehr resolute Frau, die
das geringe Einkommen ihres Mannes, der überdies leidenschaftlich und mit viel
Zeitaufwand in der Dange angelte, durch eine Kellerwirtschaft in der Friedrich Wilhelm
Strasse, in der besonders an Markttagen nach dem langen Fahrweg die Bauern ihr zweiten
Frühstück einnahmen, aufzubessern wusste, so dass sie es zu einem kleinen Grundstück
mit drei Häusern in der Junkerstrasse brachten.
Meine vor der Ehe
geborene Mutter bekam noch einen Bruder und zwei Schwestern: mit Lina, Emma und Martha
für die Umwelt das Dreimädelhaus und mit viel Ausgelassenheit. Es waren:
1. John Schwede, der
nachmalige wohlsituierte Kaufmann am Markt, seine Frau eine geborene
Plewe.
Er hatte 2 Söhne.
Der Sohn Werner ertrank im Jünglingsalter an der Ostsee.
Der Sohn Herbert fiel
im Russlandfeldzug. Dessen einziger Sohn lebt mit seiner Mutter in Cuxhaven- Altenwalde
als Leiter der Sparkassen-Zweigstelle. John Schwede starb frühzeitig, Folgen des
berufsbedingten Alkoholkonsums.
2. Emma Schwede,
verheiratet mit dem Schlossermeister Ernst Böttcher in Berlin-Charlottenburg. Mit einem
kleinen Milchgeschäft erhöhte sie das Familieneinkommen und kam im Krieg hier zusammen
mit dem einzigen Sohn Erwin, Ingenieur bei der Lufthansa, und dessen Braut bei einem
Bombenangriff unter dem zusammenstürzenden Haus ums Leben, während ihr Mann, zufällig
in ihrem Schrebergarten am Wannsee, verschont blieb.
3. Martha Schwede,
verheiratet mit Ludwig Klinger. Sie besaßen ein Kolonialwarengeschäft mit Schankbetrieb
in der Libauer Strasse in Memel. Auch sein früher Tod ist dem Alkohol zuzuschreiben,
bereits 1922. Seine älteste sehr hübsche Tochter Erika starb in Jungmädchenalter
an
Tuberkulose. Die Tochter Hilde, verheiratet mit Sodeik lebt, seit 1983 verwitwet, in
Lüneburg.
Bei meiner Tante
Martha war ich während meine Seminarzeit fast wie zu Hause, schaute nach den
Schulaufgaben der Kinder und fand, als ich Memel verließ, sehr oft Nachtasyl bei
Stadtbesuchen. Sie war eine ausgesprochene Frohnatur und galt nach dem Tode ihres Mannes
als die überall gerngesehene "Lustige Witwe."
Nicht vergessen werde
ich meine Großmutter Auguste mit einem dick verbundenen Auge. Ihr Ferdinand war im Traum
wieder in der selbsterlebten blutigen Kavallerieattacke bei Gravelotte im Französischen
Krieg 1870, sieht da seinen Kameraden und schreit ihm laut zu: "Achtung! Ich haue
links!" Und die Großmutter konnte längere Zeit ihr blaues Auge nicht verbergen.
Alt geworden und
überdrüssig mit den Umständen als Hauseigentümer und Vermieter, verkauften sie den
Besitz. Mit dem ersten Weltkrieg kam die Inflation, und ihr Geld war nichts mehr wert.
Als ihr Ferdinand
starb, nahm die Tochter Martha sie zu sich, und auch hier wollte die rüstige alte Dame
ihr Brot richtig verdienen, stand sehr frühzeitig auf, kochte den Kaffee, viel zu früh,
wärmte ihr mehrfach, zum Verdruss der langschlafenden Tochter - diese hatte das Geschäft
an die Verwandten Erich und Walter Pfeifer abgegeben - und ließ sich
auch das Abwaschen nicht nehmen, selbst als die Augen die verschutzten Stellen nicht mehr
erkennen konnten.
Die energische und
nimmermüde Großmutter starb nach kurzem Krankenlager an Altersschwäche.
II Vater Richard
Klinger und seine Familie
Meine Eltern in
Corallischken
Mein Vater Richard
Klinger, geb. 22.11.1866, war der jüngste unter den Geschwistern. Die Schule besuchte er
in Karlshof bei Corallischken, war aber im Sommer auch zum Hüten des Viehs auf dem
Elternhof beurlaubt. Er verzählen oft von dem weiten und unwegsamen Hin zum
Konfirmandenunterrichtet nach Crottingen. Den Vater verlor er, als er noch nicht neun
Jahre alt war. Nach seiner Konfirmation kam er zum Schmiedemeister Mierwald, dessen Frau
eine Verwandte war, in Clemmenhof. Krug in die Lehre, mit Kost und Logis, wie es damals
üblich war, machte seine Gesellen und Meisterprüfung und einen Sonderlehrgang für
Hufbeschlag.
Als er 1890 Lina
Klinger, die Tochter seiner Cousine Auguste Klinger aus Lappenischken, heiratete, pachtete
er ein vom Gutshof abgelegenes kleines Grundstück mit Schmiede des Rittergutes
Corallischken an der Strasse Dinweten-Plicken. Er betrieb die Landwirtschaft, arbeitete
mit einem Gesellen die Schiedeangelegenheiten für das Gut gegen Bezahlung, aber auch für
andere Kundschaft.
Hier in Corallischken
wurde ich als 4. Kind meiner Eltern geboren, erinnere mich noch des kleinen Teiches, der
allerlei Kurzweil bot, des kleinen Baches Baugst mit seinen Fischen, bestaunte die nahe
Windmühle Herzigkeit und hatte manche Freude auf dem Benachbarten Hof meines Onkels
Gottfried, der neben einer kleinen Landwirtschaft den Straßenwärterposten
übernommen
und auch eine Verwandte geheiratet hatte.
Eigensiedlung in
Clemmenhof
Im Jahre 1904 zogen
wir um nach Clemmenhof. Der Rittergutsbesitzer Frenzelbeyme hatte Corallischken mit den
Vorwerken aufgegeben und das weniger Umfangreiche Rittergut Clemmenhof gekauft. Auch hier
beschränkte er sich auf 1200 Morgen mit dem hochwertigsten Boden und ließ
die
gutsabgelegenen Ländereien für Bauernsiedlungen parzellieren. Mein Vater hatte zwar noch
nicht genug Eigenkapital, aber er hatte von Corallischken her soviel Vertrauen erworben,
dass der Gutsherr mit einer entsprechenden Hypothek es ihm möglich machte. In kurzer Zeit
musste nun auf leerem Boden aufgebaut werden.
So besaßen wir jetzt
ein Eigengrundstück von 40 Morgen, direkt an der Steinstrasse Memel-Dingweten, 6 km von
Memel entfernt. Nicht in der Grundstücksmitte, sondern unmittelbar an der Strasse
entstand unsere Hof, nach fränkischer Anlage ein Hofviereck mit Wohnhaus, Stall und
Scheune und ganz in Straßennähe die Schmiede. Später wurden die noch bestehenden
Lücken durch eine Wagenremise und einen Holzschuppen geschlossen. Natürlich fehlte auch
nicht ein Plumpsklosett in Stallnähe. Schließlich wurde noch ein großer
Garten für
Obst und Gemüse angelegt, und um das Gehöft wurden junge, aber schon hochgewachsene
Birken gepflanzt, die Gewitterschutz geben sollten.
40 Morgen waren eine
unbefriedigende Größe, für 1 Pferd zuviel, und 2 Pferde wurden wirtschaftlich nicht
ausgenutzt. Aber die heranwachsenden Kinder stellten den Vater in größerem Umfang von
der Landwirtschaft frei, so dass er eine hinreichende Kundschaft für seine Schmiede sich
zulegen konnte. Nach guter Zeit gelang es, 20 Morgen angrenzendes Gelände zuzukaufen,
besonders günstig für unsere bisher arge Weide wirtschaft, so dass nun auch die Erträge
der Landwirtschaft befriedigten.
Unser Wohnhaus, aus
roten Ziegeln gebaut wie Stall und Schmiede und mit roten Pfannen gedeckt wie alle
Gebäude, wurde der größer werdenden Familie arg eng. An einem Ende die Wohnstube,
zugleich als Schlafraum für Eltern und ein Kind, und die gute Stube mit Polstermöbel und
Teppich für Besucher und mal auch den Sonntag beide durch einen Kachelofen mit
Warmhalteröhre heizbar. Nicht heizbar waren die beiden Kammern am anderen Hausende als
Schlafräume der Kinder und die kühle Speisekammer. In Hausmitte auf der Hofseite war die
Wohnküche, auf der Gartenseite ein Durchgangszimmer mit Glasveranda.
Stuben und Kammern
hatte Fußböden aus gehobelten, aber nicht gestrichenen Dielen, die in Zeitabständen
gescheuert wurden. Ausgelegt waren sie mit etwa 70 cm breiten stubenlangen Flichendecken.
Abgelegte Kleidungsstücke wurden aufbewahrt, und wir Kinder schnitten die brauchbaren
Teile zu etwa 1 1/2 cm breiten Streifen, die wir aneinander nähten und zu
großen Knäueln
rollten. Auf einer Besuchsfahrt zum fernen Szabern-Wittko lieferten wir diese Ballen ab
und da staunte ich dann, wie unter den Händen unserer Oma, Vaters Mutter, auf ihrem
Webstuhl aus den wertlosen Streifen bodenwärmende Decken für unser Zuhause wurden.
Der Boden in unserer
Küche war Zement, höchstens bis hierher durften wir mit unserer schmutzigen
Fußbekleidung. Liefen wir nicht barfuss, so trugen wir die leicht an- und abzulegenden
Lederklumpen, Holzunterbau mit Lederblatt und Lederkappe, vom Vater in langen
Winterabenden selbst gefertigt. Bei starkem Frost zogen wir die sogenannten
Gänserümpfe vor, völlig aus Holz, das Wärme oder auch Kälte schlecht leitet und die Füße warm
hält, mitunter auch so weit, dass man noch eine Lage Stroh einlegen konnte. Aber sie
waren nicht bequem im Gehen.
Gegessen wurde
wochentags in der Küche. Meist waren es Erzeugnisse der Eigenen Landwirtschaft
Frischfleisch vom Metzger gab es wenig, aber wöchentlich brachte Mutter die
verschiedensten Fische vom Fischmarkt mit: Dorsche, Flunder, Strömlinge, Grosse und
Kleine Stint und besonders Heringen. Nach Vaters Meinung ging Mutter nicht gerade Sparsam
um bei der Herstellung der Mahlzeiten, wenn sie mit reichlich Sahne die Speisen besonders
schmackhaft bereitete. Sehr beliebt waren die Hülsenfrüchte, Erbsen oder Bohnen mit
Speck oder ein fester Brei aus kleinen grauen Erbsen, Peluschken genannt, wobei der kalte
Breirest am nächsten Morgen in der heißen Milchsuppe besonders Begehrt war.
An harten Wintertagen
glitzerten an der Außenwand unserer Schlafkammern die gefrorene Atemluft wie eine Tapete
aus Eiskristallen und die Oberseite unserer dicken Federbetten waren dann froststeif, so
dass wir uns manchmal eine mit heißem Wasser gefüllte Flasche mitnahmen, aber das
Zubettgehen und Aufstehen benötigte doch eine Überwindung.
Und erst die
Erledigung der natürlichen Bedürfnisse! Das dafür bestimmte dreisitzige Häuschen
fügte sich der Hofumrahmung ein, neben dem Stall. Der meist morgendlich Gang über den
ganzen Hof bei klirrendem Frost und oft schneidendem Wind war geradezu eine Zumutung, und
war der Weg durch hohe Schneewehen versperrt, so stampften wir Kinder oft lieber in den
Schnee des nahen Gartens oder vertauschten gar mit dem warmen Stall das zugige
Plumpsklosett. Das Plumpsen hatte dann längst aufgehört, denn der strenge Frost hatte
die auf eine feste Eisschicht hinabfallenden menschlichen Exkremente rasch zu einem
bedrohlich höherwachsenden Turm erstarren lassen, der von Zeit zu Zeit mit einem Spaten
umgestoßen werden musste.
Die Familienzugehörigen
in Clemmenhof
In Clemmenhof wuchs
unsere Familie auf folgenden Stand:
Vater Richard
Klinger, geb. 22.11.1866, gest. 06.02.1941
Mutter Lina Klinger,
geb. 09.09.1871, gest. 16.03.1946
Sohn Max Klinger,
geb. 22. .1892, gest. 22.03.1980
Sohn Erich Klinger,
geb. 13.11.1893, gest. 10.10.1971
Tochter Käthe Klinger, geb. 06.11.1898
Sohn Bruno Klinger,
geb. 20.04.1900
Sohn Albert Klinger,
geb. 04.12.1903
Sohn Alfred Klinger,
geb. 16.11.1908
Im allgemeinen wäre
zu sagen Vater und Söhne waren etwa 1,67 bis 1,68 Meter groß, Mutter und
Käthe um einige Centimeteer kleiner. Alle hatten braune Augen und dunkelblondes Haar und stärkere
Hände.
Alle verfügten über eine gute Gesundheit, Max und Käthe mit einem empfindlichen Magen.
Max und Alfred waren als Kleinkind gar mit der gefürchteten Diphtherie fertig. Für
niemand aus den Clemmenhoefer Jahren wurde ein Krankenhausaufenthalt nötig. Es
genügten meist die Überlieferten und selbstgesammelten Kräuter des Wegrandes wie Kamille,
Schafgarbe, Thymian, Pfefferminze, Lindenblüten und das Wurmmittel
Zitwersamen.
Der Vater, immer zäh
und schlank, mit rötlichem Schnurrbart und hochgezwirbelten Enden, war eine erste und
stille Natur mit weichem Gemüt, war nie bereit, ein Tier zu schlachten, hatte in jungen
Jahren zeitweise heftige Magenschmerzen, wobei er oft die Schmiede verließ
und in der
Stube auf dem Boden sich wälzte vor Schmerzen, die auch Ärzte nie recht diagnostizieren
und beseitigen konnten und die mit zunehmendem Alter völlig verschwanden. Es blieb aber
die Vorliebe für leichte Kost. Prostatawucherungen zwangen ihn 1941 ins Krankenhaus, wo
ich ihn als Soldat auf seinem sehr schmerzhaften Krankenlager noch besuchen durfte.
Die Mutter wurde in
höheren Jahren sehr korpulent. Sie war entschieden resoluter als der Vater. Mit 74 Jahren
hat sie den Treck vor den anrückenden Russen im offenen Wagen durch winterliche Kälte
1944/45 mit Fliegerangriffen von Ostpreußen über das Eis des Frischen Haffes bis nach
Ahlen-Falkenberg in Obhut von Max und besonders Käthe gut überstanden. Ihr Tod,
16.03.1946, altersbedingt und Herzversagen, war, wie Käthe berichtet, wegen Mangel an in
damaliger Notzeit nicht zu beschaffenden Vitaminen nicht aufzuhalten.
Denke ich an meine
Mutter, so fallen mir sofort die vorzüglichen Quarktorten ein, mit denen sie uns bei
jedem Familientreffen in Clemmenhof, auch als sie schon Altsitzer waren, willkommen
hieß und mit denen sie nicht zu übertreffen war.
Max machte seine
kaufmännische Lehre im Kolonialwarengeschäft mit Schankbetrieb bei Onkel Ludwig Klinger
in Memel, Libauer Strasse, dessen Frau Mutters Schwester war, und wechselte dann nach
Prökuls zum Geschäft mit Saalbetrieb des Kaufmanns Ball.
Max wurde 1913 zum Jäger-Regiment
zu Pferde nach Insterburg für 3 Jahre eingezogen, imponierte mir immer
mit seinen Berichten über die Gefechtsausbildung mit der langen Lanze und Später über
die einzige 1914 gegen eine russische Stellung gerittene Attacke, die letzte des Krieges
angesichts der aufgekommenen Maschinenwaffen. Die Lanzen wurden fortan durch Karabiner
ersetzt, Gewehre mit kürzerem Lauf. Max war nur im Ostfeldzug, hatte dort Jahre als
Kompaniefeldwebel und Mutter der Kompanie diese zu betreuen.
Nach Jahren kehrte er
als 1. Kraft zu Ball nach Prökuls zurück, heiratete 1921 die Kellnerin Berta
Mörike,
die daselbst den Restaurationsbetrieb auf eigene Rechnung führte, und kaufte dann das
abgewirtschaftete Kolonial- und Schankgeschäft in Darzeppeln mit 40 Morgen Ackerland und
10 Morgen Wiesen. Die Ehe blieb kinderlos. Max erwarb durch seine reelle kaufmännische
Art und durch seine allgemeine Sachkunde Achtung und Vertrauen und Übernahm
bald das Amt
des Gemeindevorstehers und Kassierers, das er bis zur Vertreibung führte, zuletzt auch
die Vertretung des Amtsvorstehers.
Zusammen mit Schwager
Tomaschewski, Käthe und Mutter retteten sie sich im Treck, nachdem sie zur Erleichterung
des Wagens bis hierher gerettete Schätze einfach abwarfen, über das schon brüchige Eis
des Frisschen Haffes und die Nehrung vor den nachdrängenden Russen in den Westen, nahm
Wohnung in Lübberstedt mit einer Beschäftigung in der Fischindustrie in Bremerhaven und
übernahm dann im neu urbar gemachten Moorgebiet Ahlen-Falkenberg Ein Grundstück zur
Einrichtung eines Geschäfts, das er in höheren Jahren dem Sohn seines Bruders Alfred,
Hans Klinger, übergab.
Er zog nach Cuxhaven,
wo er in Lehmkuhle 5 ein Eigentum erworben hatte. Bald nach dem Tode seiner Berta zog er
sich in die Betreuung von Hanna, Hansens Frau, vollends nach Ahlen Falkenberg zurück, wo
er sich heimischer fühlte und am 22.03.1980 starb. Herzschlag im Sessel nach lustigem
Geplauder im Lokal, ein Schock für die Angehörigen, letztlich für alle eine Gnade.
Erich hatte es
körperlich am schwersten, der nach der Hofübernahme Stall- und Hofgebäude erst
vergrößern musste mit einem bisher vermissten Keller. Dazu übernahm er vom Vater das
Amt des Gemeindevorstehers, während Vater neben der gelegentlichen Mithilfe auf leichtere
Schmiedearbeit sich zurückzog.
Die Ostkatastrophe
hat Erich und seine Familie am härtesten getroffen. Im Sommer 1944 geflüchtet, dann
zurückgekehrt und im Oktober 1944 endgültig den Eigenhof verlassen. Die einzige Strasse
war bald abgeriegelt, und so schien ein Entkommen nur möglich das Mündungsgebiet
des
Memelstromes. Doch auch hier waren die Russen schneller, und so retteten Erich und seine
Familie allein das nackte Leben über das Kurische Haff.
Dann in Calbe an der
Saale mit zusätzlicher Hilfe eines ertragreichen Schrebergartens die schlimmsten Nöte
einigermaßen gemeistert, wagte er nicht wie so viele andere das Hinüber in die
Bundesrepublik und dort bei nun schon angeschlagener Gesundheit erneut vor dem völligen
Nichts zu stehen.
Er blieb als einziger
unserer Familie in der DDR. Tochter Waltraut war eine Zeit im Schuldienst tätig,
heiratete dann den Bauer Gade in Diesdorf in der Altmark.
Erich starb am
10.10.1971 in Calbe nach langjährigen Bronchialbeschwerden an Herzversagen. Zu seinem
Begräbnis in Diesdorf konnten alle seine Geschwister ihm, unsrem ersten Toten,
persönlich die letzten Grüße bringen.
Käthe musste zu
ihrem Leidwesen auf eine berufliche Ausbildung wegen des Arbeitsanfalls daheim verzichten,
zumal der als Hoferbe vorgesehene Bruder Erich wegen Militärdienst und Krieg von 1913 bis
1920 ausfiel. Erst 1931 verließ sie den elterlichen Hof und ging als Hilfe zu Bruder
Alfred, der ein Geschäft in Laugszargen übernommen hatte. Sie heiratete, wurde aber nach
wenigen Jahren geschieden.
Nach einem kurzen
Zwischenaufenthalt bei uns in Deihornswalde und einem missglückten Geschäft in Gumbinnen
war sie dann im Geschäft Schipporekt in Schenkendorf im Mündungsgebiet
des Memelstromes
tätig, heiratete dort am 15.09.1939 den verwitweten Moorverwalter Fritz Tomaschewski eine
harte Aufgabe, neben dem noch kleinen Helmut noch 3 schon erwachsene Töchter, und landete
mit Bruder Max im Treck in der Mooradministration Ahlen-Falkenberg.
Seit der
Pensionierung ihres Fritz lebten sie und lebt sie nach dessen Tod noch heute auf dem
kleinen Eigentum in Sahlenburg, Schwalbenweg 3, wo Fritz am 29.07.1958 starb. Mit heute 85
Jahren verfügt sie noch über eine gute Gesundheit, lebt allein, aber sorgenfrei mit
einer guten Rente. Eigene Kinder hat sie nicht.
Albert und Alfred
galten daheim als die Raubenkönige, und nichts interessierte sie so sehr wie das
Geschehen im oder im großen grünen Taubenschlag mit den billigen Spochts und dann auch
wertvolleren Hochfliegern und dabei manch zweifelhaftem Geschäft. Früh regt sich der
spätere Kaufmann.
Albert lernte
Kaufmann im Eisengeschäft Emil Godlowski in Prökuls, dessen Frau war eine Cousine meiner
Mutter. Über Albert hatte sein Chef sehr zu klagen, um seine für den Umgang mit Kunden
unmögliche Ungewandtheit im Sprechen oder eher Sprechträgheit. Erst nach Beendigung der
Lehrzeit und Wechsel in Memels größtes Eisengeschäft Schwerdter konnte er durch seine
Verlässlichkeit und peinliche Exaktheit in Kontorarbeiten,, besonders
um Zollabfertigung
mit litauischen Behörden seine Fähigkeiten aufzeigen, wurde nebenbei ein beachtlicher
Schachspieler, der manche Trophäen aus Städtewettkämpfen heimbrachte. Die zahlreichen
Gäste bei der Taufe seines ersten Sohns auch völlig übersah und in einer stillen Ecke
im Schach mit einem Gleichgesinnten gänzlich abwesend war. Mit seiner Frau, Anna Reimer,
hat er drei Söhne: Heinz, Rolf und Peter.
Das Soldatenleben im
zweiten Weltkrieg führte ihn bis nach Norwegen. Nach Kriegsende wurde er nach Hannover
verschlagen, wo er auch als Rentner noch die schriftlichen Geschäfte eines
Glasereibetriebes führte und lebt heute noch mit seiner Anna in Laatzen.
Zeitlebens hatte er
als einziger unter seinen Geschwistern ein beträchtliches Übergewicht wie heute sein
Sohn Peter und einst unser Onkel John Schwede. Gesundheit und Beweglichkeit sind heute
geringer als die seiner Geschwister. Alfred begann nach Beendigung seiner Schulzeit eine
Lehrstelle in der Maschinenschlosserei Henning in Memel-Janischken, musste sie aber nach
einem halben Jahr wegen Erkrankung aufgeben.
Am 01.02.1925 trat er
in die kaufmännische Lehre bei Onkel John Schwede, Mutters Bruder im Kolonial-Schankgeschäft
und Handel mit landwirtschaftlichen Maschinen und dessen
Nachfolger Kurschat und Müller.
Am 01.02.1928 war er
dann im Geschäft Bialla im Grenzort zu Deutschland, Pogegen, beim Aufbau einer Eisen- und
Baumaterialabteilung beschäftigt, heiratete am 29.8.1932 die dort auch tätige Meta
Simeit und pachtete bereits am 01.08.1931 für 10 Jahre die Gastwirtschaft mit Saalbetrieb
in Laugszargen, dem Grenzort zu Litauen.
Ein Jahr nach
Ausbruch des 2. Weltkrieges siedelte er allein nach Soldau-Lolen über, das die Deutschen
erobert hatten, als Geschäftsführer der Getreidehandel Südostpreußen
und überließ
seiner Meta das Geschäft Laugszargen bis zum Pachtablauf.
Trotz seiner in
Soldau wirtschaftlich wichtigen Aufgaben blieb ihm der Einsatz in der Wehrmacht nicht
erspart. Im Oktober 1942 zur Wehrmacht einberufen, landete er bei einer Division vor
Petersburg. Er entging aber der späteren allgemeinen Katastrophe im Osten, indem er wegen
schwerer Erkrankung in die Heimat überführt wurde und dann nach Genesung über mehrere
Zwischenstationen bei der Nachrichtentruppe glücklich das Kriegsende erleben konnte.
Alfred hat mit Meta 3
Söhne: Hans, Wolfgang und Klaus-Jürgen, dieser mit 2 Jahren gestorben. Alfred unter den
Geschwistern der bei weitem gewiegteste Kaufmann, hat aber mit der Katastrophe sein
gesamtes Vermögen verloren. Doch mit Meta und den Kindern zusammengefunden, meisterte er
verhältnismäßig gut die folgenden Not- und Hungerjahre.
Schließlich nach
manchen Pannen eröffnete er mit einem Fachmann, er als Geldgeber, einen chemischen
Betrieb zur Herstellung von Reinigungsmitteln, musste auch empfindliche Veruntreuungen
durch seinen Kompagnon überstehen, führte den Betrieb dann allein weiter und wurde ein
wohlbestallter Bürger mit zweifachem Hausbesitz in Gütersloh.
Meine Schwiegereltern
Kindheit und
Berufssoldat
Gerdas Vater, Eugen,
Albrecht Heinrich Losereit wurde am 5.3.1882 als Sohn des Leuchtturmwärters Christof
Losereit und seiner Ehefrau Lina geb. Burnus, zu Windenburg an der Gefahrenreichen
Mündung des Memelstromes ins Kurische Haff, geboren. Seine Eltern zogen später nach
Heydekrug, er als Gefangenenwärter, und dann übernahm sie die Verpflegungswirtschaft des
Gefängnisses und waren seitdem wirtschaftlicher Sorgen enthoben. Mit 12 Jahren tauschte
Eugen die Volksschule mit dem Königlichen Militär-Knaben-Erziehungsinstitut
in Annaberg
von 1894 bis 1897.
1900 ging er zum
Militär, wurde Berufssoldat bis 1919, zum Ende des 1. Weltkrieges, dessen Nöte er auf
den verschiedensten Kriegsschauplätzen gründlich erlebt hat. Er heiratete 1907 in Memel
die Elisabeth Auguste Sabrowski, geboren am 19.05.1884, Tochter des Zimmermanns und
Bauunternehmers Wilhelm Sabrowski und seiner Ehefrau Dorothea Anna, verwitwete Schedauski,
geb. Schernitzki.
Sie wechselten den
Wohnsitz zwischen den Garnksons und Hafenstädten Pillau und Memel, und hier in Memel
wurde am 20.05.1909 meine Gerda geboren, wuchs zunächst als Kasernenkind heran und blieb
Zeit ihres Lebens zutiefst mit der See verbunden. Stadtangestellter in Memel und Stettin
Als
Feldwebel-Offiziersanwaerter 1909 aus der Wehrmacht entlassen, wurde er Sekretär bei der
Stadtverwaltung Memel. Mit der Angliederung des Memelgebietes an Litauen 1923 Litauer
geworden, optiert er wie auch ich für die deutsche Staatsangehörigkeit zurück. Der
litauische Präfekt entzog ihm nach einiger Zeit die Aufenthaltsgenehmigung, und nun
siedelte er zur Stadtverwaltung nach Stettin über und tat dort Dienst als
Obersekretär.
Im Jahre 1943
überstand er mit seiner Elisabeth im Keller glücklich die Bombenteppiche, während das
Haus über ihnen zusammenstürzen. Seine Frau evakuierte zu ihrer Tochter nach
Deihornswalde, und mit dem Anrücken der Russen nach Lanskroun in der Tschechei, wo er
sich, als Stettin geräumt wurde, hinzugesellte.
Rentnerleben in
Grabow/Mecklenburg
Mit Kriegsende musste
er auf Knien die bösartigsten Drangsalierungen der hasserfüllten Tschechen über sich
ergehen lassen. Beide landeten dann unter Zurücklassung ihre bis dahin geretteten Werte,
insbesondere Ihres Silberschatzes aus diversem Essbesteck u.a. bei der Familie Aloisia
Junkowa, Skolni 133, in Lanskroun auf Jahre in einer beschämenden
Hinterhauswohnung in Grabow/Mecklenburg.
Ihre Dürftigkeit,
total geschädigt und nur die geringe Altersrente, den verbliebenen Silberschatz haben sie
nie zurückgefordert - wusste der Schwiegervater zu mildern durch Mitarbeit im
Wäschereibetrieb der Frau Gach, die ihnen schließlich in ihrem Haus eine bescheidene
Zweizimmerwohnung zur Verfügung stellte.
Eng mit Kirche
verbunden, er lange Zeit Presbyter, waren sie im kleinen Kreis Gleichgesinnter derart
heimisch geworden, dass sie es vorzogen, die Schwiegermutter bereits von Alter und
Krankheit gebeugt, nicht nochmals umzusiedeln in unser Langenberg und hier doch nicht mehr
heimisch zu werden, und damit opferten wir Jahr um Jahr einen Grossteil unserer
Sommerferien zum Besuch in Grabow, in uns doch allmählich Überwindung abverlangende
dürftige Wohnverhältnisse.
über das Wesen der
Beiden
Eugen war eine
stattliche schlanke Gestalt von etwa 1,78 Meter, blond, in Memel besonders stolz auf den
Kriegerverein. Sein stilles, friedliches, bescheidenes Wesen trug dazu bei,
dass es trotz
der heftigen Zornausbrüche seiner nervlich belasteten Frau doch eine lange glückliche
Ehe wurde.
Sein Elisabeth, auch
blond, etwa 1,65 Meter groß, ihm geistig überlegen, stets peinlichst bemüht
um
äußerste Sauberkeit in Kleidung und Wohnung, war eine vorzügliche Wirtschafterin und
Köchin, mit einem seltenen Gedächtnis bis ins Alter hinein und hellwach bis in ihre
Todesstunde.
Trotz ihrer geringen
Rente hatten sie Friedhofs und Grabpflegekosten für die gesamte Ruhenszeit abgegolten und
hinterließen Ersparnisse, die uns die Besuche ihrer Gräber finanziell nicht spüren
lassen sollten. Beide starben an Altersschwäche in der Wohnung, er am 09.09.1965, sie am
15.08.1967 bei unserem dortigen Besuch. Beide ruhen auf dem Friedhof in Grabow. |